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Brev från Erna
"Sibylle" Zenker till Märta den 15 oktober 1955
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15. X. 55
Habe ich Dir wirklich seit meiner Sommerreise nach Stuttgart noch nicht geschrieben? Ich dachte, ich hätte Dir erzählt, wie schön es dort war u. wie lieb meine Nichten waren u. wie viel Schönes ich gesehen habe u. viel Interessantes ich gelesen habe. Na, jedenfalls habe ich ein sehr schlechtes Gewissen Dir gegenüber; denn Dein schönes Paket ist schon lange angekommen. Ja, mein Geburtstagskuchen ist weitgehends mit Deiner Hilfe gebacken worden. Also habe recht von Herzen Dank für all die schönen Sachen. Nanna kam am 30.9 zum Kaffee wie immer, Otto erschien erst zum Abendbrot. Meine Schwester war natürlich auch da. Aber Karin fehlte. Sie ist doch verheiratet u. erwartet jetzt ein Kindel. Da war mir der lange einsame Weg zu gefährlich für sie. Das Kindel ist allerdings immer noch nicht da. Hoffentlich geht alles gut; Karin ist ja sehr zart. Nun hast Du mir auch so einen lieben ausführlichen Brief geschrieben; das hat mich sehr gefreut. Habe 1000 Dank! Hoffentlich sind die Buben nun alle wieder gesund. - Wir hatten einen ausgesprochen schlechten Sommer; d. h. ich habe im Juli in Süddeutschland nicht über besonders schlechtes Wetter zu klagen gehabt. Es hat kaum geregnet, wir sind weit gewandert, z. B. zur Solitude; auch im Ludwigsburger Park, wo ich 2x war, hatten wir gutes Wetter, ebenso in der Ausstellung am Killesberg. Nun war ich schon wieder mal verreist. In den Herbstferien, die ja für uns Dienst bedeuten, war das letzte Wochenende frei. Ich fuhr also am 6. X. mit einer jungen Kollegin nach Ostberlin. Es war sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Das Schönste war Potsdam u. Sanssouci. Ich kannte das Schloß; aber von Potsdam hatte ich gar keine rechte Vorstellung. Nun ist es ja leider zerstört, aber man hat doch noch den Eindruck einer vornehmen zopfig-klassisch gebauten Stadt. Der Park ist gut gepflegt ebenso das Schloß. Es war sehr hübsch in dem kühlen Herbstsonnenschein durch den riesigen Park zu schleudern. Viel hätten wir noch sehen können, es gibt ja eine Menge Schlösser dort, - aber das bleibt fürs nächste Mal. Das andere sehr schöne Erlebnis war die Aufführung in der neuen Staatsoper. Ach, ist die reizend! So licht u. zart alles, man merkt, daß Knobelsdorff der Erbauer von Sanssouci auch sie geschaffen hat. Und die Oper, die wir hörten, paßte in diesen Stil, "Eugen Onegin" v. Tschaikowski. Ich kannte sie noch nicht, wollte sie aber schon immer kennen lernen. Die Musik ist herrlich, besonders der Vorspiel zum 4. Akt hat es mir angetan. [Operan har bara 3 akter - hon menar nog polonäsen, som inleder 3:e akten?] Es war ein sehr schöner Abend. Scheußlich war nur die Rückfahrt im unvorstellbar vollem Zuge am 9. X. Ja, man muß für alles zahlen, sagte meine Freundin Erna [el. Eva] immer. Das ist die, welche ich diesen Sommer im Schwarzwald wiedersah. Es war, als hätten wir uns nie getrennt; so gut verstanden wir uns wieder. Von den Büchern, von denen Du schreibst, kenne ich leider gar keine. Die gibt's hier wohl kaum. Hast Du mal was von Huxley gelesen? Ich las Schöne neue Welt in Stuttgart. Eine interessante "Lösung" der sozialen Frage u. zugleich eine schwere Anklage an die gewohnte [?] Welt. Es hat mir gut gefallen. Meine Freundin schenkte mir Das Glasperlenspiel von Hesse, das ich immer schon kennen lernen wollte. Hier hatte es niemand von meinen Bekannten. Nun mir liegt Hesse nicht; ich mag wohl seine Gedichte, aber nicht seine Romane. Auch das "Glasperlenspiel" finde ich nicht gut. Der Schluß fällt ganz ab, da hat er sich die Lösung wirklich zu leicht gemacht. Die Idee des Glasperlenspiels finde ich verstiegen, unmöglich. Magst Du es? Du kennst es gewiß, es ist ja schon ein ziemlich altes Buch. Am 10. X. ging der Unterricht wieder los u. diese erste Woche rauschte nur so über mich fort. Aber heute am Wochenende da ist ein bißchen Zeit, mit Dir zu plaudern. Ach, könnte ich es nur mal in Wirklich[keit]! Könntet Ihr mal wieder nach Dresden kommen? Ob wir das noch erleben? Ich glaube es kaum. Ist's nur der trübe Herbst, der mich so hoffnungslos macht? Leb' wohl, liebe Märta. Grüße all Deinen Lieben viele Male von mir.
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