Brev från Cläre Immisch f. Zenker den 17 januari 1954

Anm. Årtal saknas, men kan bestämmas genom innehållet.
Avsändaradress: Oberin Immisch, Freiburg 17 b, Günterstalstr. 5 a, Deutsch Französ. Zone

Den 17. 1.

Lieber Gerd, Gestern kam Dein lieber Brief und da ich gerade auf den Liegestuhl verbannt bin und nichts tun kann als höchstens schreiben und da es ohnehin Zeit ist für Euer so liebes nahrhaftes und genützliches Päckchen zu danken, will ich versuchen, ob ich einmal zu einem wirklichen Brief komme. Unsre Großväter konnten das besser als wir modernen Menschen, das richtige behagliche Briefschreiben u. Erzählen ist nicht nur mir fast ganz abhanden gekommen. Ich freue mich, daß Dir die kleinen Erinnerungsraritäten Spaß machten, und wenn ich mehr finde, kriegst Du mehr. Laß Dir keine grauen Haare wachsen über Titel u. so, halte am zenkerschen Familiensinn u. ihren warmen Herzen, das ist mehr.

Schade daß wenig Aussicht für diesen Sommer besteht, ich habe vielleicht garnicht mehr so lange Zeit mich an Eurem Kommen zu freuen und habe extra für 2 provisorische Bettmöglichkeiten in meinem verkleinerten Heim gesorgt im Gedanken an Euch - aber freilich gegen ein hohles Sparschweinchen kommen die sehnsuchtsvollsten Wünsche nicht auf und ich habe leider auch kein Bankkonto mehr, das ich zur Auffüllung heran ziehen könnte.

Und nun wollt Ihr gern von mir hören und von Herthis letzter Zeit. Im Mai schon hatte mir Frl. Dr. gesagt, daß sie wenig oder keine Hoffnung für Herthi hatte. Sie hatte das Ende schneller erwartet. Als Ihr Mitte Juni da wart, ging es mühsam, aber noch erträglich. Anfang Juli wurde sie voll bettlägrig. Es traten heftige Anginer Pectorisanfälle, bes. nachts auf, das Wasser stieg, schließlich so, daß es durch das Gewebe u. die Poren der Haut Abfluß suchte, Herthis Atmen mühsamer, die Kräfte schwächer und dadurch für mich die Pflege schwerer wurde. Doch gelang es bis 2 Tage vor ihrem Tod sie vor Durchliegen zu schützen und sie noch täglich auf den Liegestuhl zu bringen. Unsre liebe Ärztin half uns in jeder Weise - auch finanziell - und als fromme Katholikin auch seelsorgerlich. Sie sprach offen mit und über das bevorstehende Ende. Mein Herthi blieb bis zu den letzten Stunden geistig völlig klar, voll tiefen Friedens ohne jede Angst und ohne jedes Festhalten am irdischen. Zu mir sagte sie oft, hab nur keine Angst, Du bleibst nicht lang allein, ich sags Gott schon. Sie ordnete alles bis hin wie der Sarg durch die Tür gebracht werden könne. Die letzten 4 Wochen schaffte ich die Arbeit nicht mehr allein. Erst hatte ich eine sehr ungeeignete bezahlte Hilfe durch die innere Mission, dann trat aus Freundschaft Frau Missioner Ruff in die Lücke, denn man mußte dann Tag u. Nacht zu 2 sein. Herthi bekam schließlich viel Morphium, aber auch das half wenig. Am 11. 8. früh litt sie viel, war aber ganz klar, sie bat mich nur: Hilf Du mir doch. Ich durfte ihr eine Spritze machen. Da schlief sie ein, schlief friedlich den ganzen Tag, tat nur um 8 abends noch einmal kurz die lieben, schon gebrochenen Augen auf ohne mich zu sehen und atmete dann kampflos aus.

Wir haben sie in meiner Eltern Grab zur Ruhe gebettet. Durch manche kleine Hilfe, durch den Verkauf ihrer Apparate und durch schier unerklärliche Gotteswunder sind die fast 1000 M. die nötig waren um alles zu bewerkstelligen da gewesen u. keine öffentliche Hilfe nötig.

Ebenso ist es nur ein Gotteswunder und nicht so erklärlich, daß Mittel u. Kräfte da waren um alles für mein Weiterleben zu ordnen. Der Hauswirt wollte, daß ich wohnen blieb. Meinen Vorschlag, das Haus zu teilen, mir eine kleine Sondermiete zu berechnen u. aus dem übrigen noch etwas herauszuschlagen, weil das Haus so ja für ihn nicht rentiert, wies er ab. Er ließe mir die entgegenkommende billige Gesamtmiete, ich möge schon, so viel davon hereinzubringen daß ich recht billig wohnen könne. Ich mußte dann allerdings den nötigen kleinen Umbau, 2. Gasuhr u. Elektr. Zwischenzähler selbst bezahlen und schlucke noch daran. Aber die Herstellung der 2 unteren Zimmer u. der unteren Küche, durch die nun der Treppenzugang geht, übernahm die Haus/Schwesterstation, die Vermietung an diese wurde endlich nach langem Kampf vom Wohnungsamt bewilligt und sie zahlen nun so viel, daß ich faktisch nur für 1 M wohne. Bis noch Heizung, Licht, Krankenkasse u. s. w. bezahlt sind, ist es genug für meine Rente von 100 M. Ich könnte ohne diese günstige Lösung auch kaum existieren. Das Atelier ist fast unverändert, nur hat es noch meine Couch aufnehmen müssen. Harmonium wird verkauft. Herthis Möbel kamen nach Langen, mein Schlafzimmer u. Teile von der Küche zu Wolfgang. In meinem Schlafkämmerle entstand ein praktisches Küchele, Gasanschluß u. Wasser waren ja mit dem Bad da, der Notherd steht oben. Es war eine harte Zeit bis alles auf möglichst billige Weise von mir ganz allein geschafft war. Herthi hätte mich oft ausgelacht, wie ungeschickt ich mit Säge, Hammer u. Beil werkte. Und dann waren die Tausende von Platten ["Herthi" var fotograf, tror vi oss minnas] zu sichten, an den Mann zu bringen oder zu vernichten. Die Müllabfuhr hat auf meinen Kosten einen ganzen Lastwagen woll Scherben abgeholt und die Brockensammlung u. das Flüchtlingslager eine Masse Sachen.

Im Oktober ging ich dann ganz erschöpft 14 Tage zu Betlehemsschwestern nach Württemberg und wurde zurecht geliebt und geruht und gefüttert. Lange wollte ich nicht, sonst wäre das Heimkommen ins leere Haus zu schwer gewesen. Es war so schon unendlich schwer. Die Schwestern unten gehen Morgens zeitig und kommen Abends spät und sind auch nicht sehr zutunlich. Vor Weihnachten wagte ich es und nahm meine freiwillige Hilfstätigkeit bei den Einsamen und Alten und bei der Weihnachter Bescheerung wieder auf. Das half über Einsamkeit und Trauer. Am heiligen Abend lud ich mir, um meine Freunde nicht durch meine Einsamkeit zu belasten und zum Einladen zu zwingen - eine Dame aus der Ostzone aus dem Flüchtlingslager ein. Sie war nett, wir waren im Kindergottesdienst und auf dem Friedhof und ich konnte doch jemand zu Hause bescheeren und das Weihnachtsevangelium sagen. Und in den Feiertagen war ich viel eingeladen.

Aber das dicke Ende kam nach. Ich fühlte mich dann recht elend, es wurde kalt, ich mußte viel Kohlen schleppen und Schnee schippen. Der Arzt bestätigte mir, daß mein Herz schlecht sei und daß ich viel Ruhe brauche aber - für Rentner tut die Krankenkasse nicht viel - er könne nicht viel machen, höchstens mich ins Krankenhaus schicken. Und inzwischen wären hier alle meine Blumen erfroren und mein Kanarienhausel hätte ich hergeben müssen. Ich war ein bischen verzweifelt. Da kam aus Freundschaft Herthis gute Ärztin (keine Krankenkasse) und untersuchte mich. Sie machte mir zwar sehr die Hölle heiß und erklärte mir, ich könne einmal plötzlich mausetot sein, wenn ich so weiter machte. Sicher aber bekäme ich ebenso eine Wassersucht wie Herthi, sie sei jetzt schon da. Sie schalt aber nicht nur, sondern tat etwas. Sie spritzt mir nun Strophantin, läßt mich bei sich ruhn und essen und bat den Weihnachtsgast aus dem Flüchtlingslager mir etwas im Haushalt zu helfen, was ich im Wesentlichsten mit Naturalien, mit denen ich gut versorgt bin, gut machen kann. Die Spritzen tun auch schon gut, ich kann den linken Arm wieder bewegen und komme für diesmal noch mal davon. Wie Gott will! Es wär ja gar nicht so schlimm, wenn er mich bald rief, ich bin niemand mehr nötig. Aber Er kann ja auch wenn ich noch bleiben soll Wege und Auswege für mich schaffen. Ein Ausweg wäre natürlich der Entschluß in ein Alters- u. Pflegeheim zu gehen, wobei freilich mit dem Entschluß noch nicht der freie Platz gefunden wäre. Außerdem graute mir als alter Schwester vor jedem Anstaltsbetrieb und der damit verbundenen Entpersönlichung. Und schließlich meine Rente reicht nicht für die Kosten. Das geht zu machen. Die Rente wird die Fürsorge zugeführt - sie zahlt drauf, natürlich nicht im Damenheim sondern im billigsten Heim und ich bekomme 9 M Taschengeld. Da schon ein paar Stiefelsohlen 8 M kosten, blieb mir dann kaum genug um auch meine Korrespondenz aufrecht zu erhalten, geschweige dann meine sonstigen kleinen Daseinsfreuden.

Zu Essen hätte ich, die vielen kleinen materiellen Hilfen die ich je u. dann bekommen hülfen mir also nichts mehr, während sie jetzt meinen Haushalt balancieren helfen, daß die Porto- u. Freudenkasse nicht leer wird. Also ist dieser Entschluß recht schwer und - gebe es Gott - auch verfrüht. Wenn jetzt das Strophantin den Herzmuskel einigermaßen kompensiert, wenn ich auf jede Außenarbeit verzichte und die Hausarbeit vorsichtiger tue u. ausbalanziere, geht es den Sommer durch ja wohl und ich muß mir vor dem Winter so viel sparen, daß ich dann vielleicht eine Putzfrau nehmen kann auch fürs Kohl tragen u. s. w.

Aber nun ist mir die Feder ausgerutscht. Das kommt von Deinen liebevollen und teilnehmenden Fragen. Wozu schreibe ich das eigentlich so ausführlich? Aber es macht ja schließlich auch nichts und es ist schön zu wissen, daß auch von Euch teilnehmende Gedanken zu mir herüber gehen, vielleicht gar fürbittende Gebete. Erzähl doch Mutter von allem, was Du magst, ich weiß nicht wie weit ich ihr eigentlich einmal ausführlich schrieb, aber bedrücke sie nicht mit unnötigen Sorgen. Ich habe es ja noch um Vieles besser als viele andre Alternde u. einsame Rentner, denen deshalb meine Liebe und Fürsorgen gelten sollte, aber ich werde nun wohl nicht mehr so viel herumlaufen können. Irgend eine kleine Aufgabe für schwache Kräften wird sich aber vielleicht noch finden. Ich habe meine Heimat, meine Gräber, gute Freunde u. Halt in einer Gemeinde. Was will ich noch? Und die Hauptsache: Ich weiß um Gottes Vatergüte und Treue.

Grüß Märta, Herthi's Liebling (auch meiner natürlich) und die lieben Jungens u. sei herzlich gegrüßt von der alten

"Bratentante" und
Base Cläre.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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Senast ändrat eller kontrollerat den 16 augusti 2014.