Brev från Erna "Sibylle" Zenker den 26 december 1949

26. XII. 49

Meine liebe Märta!

Nun ist schon der 2. Feiertag, u. ich habe Dir noch nicht für Dein schönes Weinachtspaket gedankt! - Ich wollte ja eigentlich nach dem Wäschepäckchen schreiben, - aber die Zeit! Ach, ein Sklavenleben im Altertum kann nicht weniger freie Zeit gehabt haben! Ich habe zwar die Leitung der Arbeitsgemeinschaft Geschichte niedergelegt, muß u. will aber die Neulehrer, die jetzt ihre Prüfung machen, noch bis zu Ende betreuen, - also die Prüfung abnehmen. Das bedeutet 8 Arbeiten - 30-60 Dinseiten - zu Korrigieren, 8 Lehrproben u. 8 mündl. Prüfungen abzunehmen. Das alles neben der Schularbeit, die jetzt auch viel, viel mehr Arbeit erfordert als früher. Bis auf 4 mündl. Prüfungen bin ich nun fertig; diese 4 letzten werden am 4. I. geprüft. Dann kann ich den Schlußstrich unter diese Arbeit ziehen - ich bereue dies Jahr nicht. Ich habe in jeder Beziehung viel gelernt bei dieser Ausbildung.

Doch nun zu Dir! 1000 Dank, Du Gute! Du hast mir eine riesengroße Freude gemacht. Und es hat auch alles geklappt. Karte u. Brief kamen Anfang Dez. an, sodaß ich vorbereitet war; am 17. kam das Paket, ich schrieb sofort nach Klotzsche, denn am 21. abends wollte ich ja schon fortfahren. Und richtig, am 21., kurz bevor ich zur Bahn ging, kam ein nettes junges Mädel u. holte hochbeglückt die Sachen ab.

Wie habt Ihr das Fest verlebt? Wie geht es Stephan? Ja, die Ältesten machen immer Sorge! Hoffentlich ist er nun wieder ganz gesund. - Meine Nichte Inge in Augsburg hat das 5. Kind, den 2. Jungen, bekommen. Sie ist bei der Geburt beinahe gestorben, die Blutungen hörten nicht auf. Gott Lob, geht es ihr nun wieder besser. - Dort wird eben gebaut, mein Neffe selbst hat das neue Haus, in dem sie eine 5 Zimmerwohnung haben, entworfen oder gebaut, er ist in einer gr. Firma dort als Dipl.ing. angestellt. Natürlich geht's bei 5 Kindern knapp her [?] - aber die Wohnung ist doch - jedenfalls für mich - die größte Hauptsache.

Ich selbst werde wohl nie mehr zu einer eigenen kommen. Ich möchte sagen, daß meine Schwester nach Dr. zieht. Das ginge nur durch Wohnungstausch. Und der ist fast unmöglich, wie man mir auf der Tauschstelle des Wohnungsamtes sagte. Ja von Görl. nach Dr., das wollen viele, aber keiner will nach Görl., wahrscheinlich schreckt die Grenze. Und ich mag u. kann auch nicht nach Görl. Ich gehe ja ins 60. Jahr, das ist eigentlich Pensionsalter, das nimmt natürlich keine Stadt als Neueinstellung. Außerdem muß ich ja weiter im Dienst bleiben, die Pension ist zu gering, daß ich mit Else - getrennt - nicht existieren könnte. Ich fühle mich auch frisch u. könnte das Leben ohne Arbeit noch viel schwerer, wohl kaum, ertragen. Aber daß dies primitivste Recht: eine eigene Wohnung - mir versagt bleibt, ist schwer zu tragen.

Jetzt genieße ich das Heim hier natürlich doppelt. Leider geht's meiner Schwester nicht gut. Sie ist schon lange stark erkältet u. hat jetzt wieder oft ihre Migräne. Sie geht ins 70., - da brauchte sie halt Pflege. Das wäre bei mir in Dr. durchaus möglich - aber - Schicksal - es geht nicht!

Wir haben ein stilles, friedliches Fest verlebt. Elses frühere Kolleginnen aus dem Westen haben in rührender Weise Weinachtspäckchen an sie geschickt, sodaß wir sehr reichlich u. gut zu essen hatten, zudem ich Deine Herrlichkeiten auch noch mitbrachte. Bis jetzt habe ich gefaulenzt, gelesen; - aber nun muß ich bald die letzte Prüfung vorbereiten. Gut, daß dies mal 4 zusammen sind, vorher hatte ich je einen u. einmal 2 zusammen zu prüfen, - einer allein ist schlecht. So habe ich 1 Std., jeder ¼ Std., da kann man ein Thema durch die ganze Geschichte verfolgen.

Als ich neulich in Laubegast Prüfung hatte, besuchte ich anschließend Nanna. Es geht ihnen gut. Wie beneide ich sie um ihre Wohnung! - Hans hat viel Leid. Die Operation dicht unter dem Auge muß ja sehr schmerzhaft gewesen sein. Renate hatte Diphterie u. hat, wie sie mir schrieb, einen Herzknacks zurückbehalten. Und Suse ist sehr oft bettlägerig u. bekommt dauernd Spritzen. Und Hans brauchte auch viel Pflege. Ja, es liegt viel Schweres auf uns Ostzonlern! - Und was bringt 1950? Euch hoffentlich viel Gutes! Gesundheit u. Freude an den Kindern! - Für mich wünsche ich Gesundheit meiner Schwester u. befriedigende Arbeit für mich, - eine eigne Wohnung ist zu unerreichbar!

Ich schreibe in der etwas düsteren Ofenecke mit dem neuen Kugelschreiber, - hoffentlich ist die Schrift nicht zu undeutlich!

Grüß alle, besonders Gerdt u. Deine lieben Eltern, recht schön.

Ich grüße Dich von Herzen

Deine
Sibylle.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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