Brev från Sibylle Zenker (Erna f. Tietze) den 1 oktober 1949

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Meine liebe Märta,

Ach, war ich froh, als Dein Brief mir sagte, daß die Wäsche in Deiner Hand sei! Hab' von Herzen Dank! Und nun willst Du wieder so gut sein u. mir den Rest schenken! Nein, liebste Märta, das nehme ich nicht an! Du bist so sehr gut zu mir, u. ich danke Dir von Herzen dafür, - aber das wäre Ausnützung. Für mich allein reicht es schon, - ich habe ja keine Familie mehr, - ich einsames Wesen brauche nicht mehr viel. - Nein, die Wäsche sende ich Dir; wenn's nur nicht so umständlich wäre u. ich nicht so wenig Zeit hätte. Aber vielleicht sind die Bedingungen schon wieder geändert, ich will mal auf der Post nachfragen.

Gesundheitlich geht mir's gut, nur nervenmäßig bin ich ziemlich 'runter. Die Disziplin in der Schule ist sehr schwierig. 40 Kinder in d. Klasse, keine Strafmittel, weder Schläge, noch Nachsitzen, noch Strafarbeiten, - unsere Schule übervoll 1500 Kinder, die Räume oft 3x hintereinander besetzt. Unterricht bis 17, ja bis 18 Uhr, Fachunterricht, so daß der Klassenlehrer die Kinder nicht mehr so in der Hand hat. Kannst Du Dir die Schwierigkeiten vorstellen? Im neuen Schuljahr habe ich keinen Unterricht in der Oberschule mehr, da wir einen Studienrat mit Fakultas Geschichte bekommen haben. War ich froh! Viel weniger Arbeit! Nun geht heute unser Schulleiter, der 6 Std. Geschichte i. d. Oberschule gab, - ich sehe schon, die muß ich übernehmen, - jedenfalls bis der neue kommt. Ja, vorläufig sind wir noch "kopflos", - wen werden wir erhalten?

In den Sommerferien war ich in Görlitz. Die letzte Ferienwoche war meine Eisenacher Freundin wieder auf Besuch bei mir. Das war wunderschön. In Görlitz habe ich gearbeitet, aber diese 8 Tage haben wir nur gefeiert. 4mal sind wir mit dem Dampfer gefahren. Einmal bis Schmilka - d. h. jetzt die Grenze - hin u. her bei herrlichem Wetter; dann Meißen, Pillnitz. Die ruhige Fahrt durch die schöne Landschaft, dazu der geistige Austausch. Wir verstehen uns sehr gut. Es waren wirklich Ferien. Desto härter war dann der Dienstanfang - gleich bis in den Nachmittag hinein Konferenz u. Ärger.

Nun ist seit einer Woche meine Schwester bei mir. Da brauch ich mich nicht ums Kochen zu kümmern, Gott lob. Es gibt jetzt Obst frei zu kaufen, freilich etwas teuer, aber es geht. Birnen das Pfund 70-80 Pfg. Else hat mir sogar schon ein paar Gläser Apfelmus eingeweckt! Ich bin doch so ein Obstesser. "Auf dem Wagen" gab's 4 Äpfel für 2.- M.

Sehr unagenehm sind jetzt wieder die Stromabsperrungen. Früh ½ - ¾ 7 Uhr geht der Strom weg bis ca. 10 Uhr, dann abends von ½ 7 - 9 Uhr wieder ohne Strom. Nun koch ich doch alles auf dem elektr. Kocher. In der Küche ist freilich Gas, aber das ist auch kontingiert, u. außerdem gehe ich nicht gern in die Küche, wenn meine Wirtsleute zusammen drin sind u. ungestört i. der Familie sein wollen. Ja, - Untermiete! Ich brauche ja früh nichts Warmes, aber meine arme Schwester ist ja ohne heißen Kaffee nicht leistungsfähig. Ein Ausschlafen gibt's also selbst dann nicht, wenn ich später Unterricht habe. Wir spüren also immernoch den Krieg.

Gestern abend war Hans da. Er sah wohl aus trotz der roten Narbe unter dem Auge. Der Arme, die Operation muß ja sehr schmerzhaft gewesen sein! Wir saßen auch gestern mit ihm bei Kerzenlicht, - kein Strom!

Habt Ihr auch so einen schönen Herbst? Dieser seidene Himmel Tag täglich schon wochenlang! - Aber es sollen viele Fälle v. spinaler Kinderlähmung in Dr. sein. Das ist auch vor Jahren bei einem warmen Herbst so gewesen. In unserer Schule war noch kein Fall. Meine kleinen Jungen sind stets fast alle da, es fehlen höchstens 1-3 Kinder.

Wie geht es Euch gesundheitlich? Wie groß ist denn nun schon Stefan? Wie gern sähe ich Euch alle einmal wieder! Doch das wird wohl nie mehr der Fall sein. Ich seh Dich noch immer in Deiner kleinen Wohnung am Dürerplatz. Wie lange ist das nun schon her? Ich weiß noch so genau, wie wir einmal Stefans Geburtstag feierten, u. wie ich dann zu Hans Christoph ging, der als Flakhelfer auf der Vogelwiese war. - Eine versunkene Welt!

Ich habe mir jetzt Memorial v. Weisenborn gekauft; da steht unter dem Titel: Mich wundert immer, daß wir noch die selben Gesichter haben wie vor 3000 Jahren, obwohl soviel Haß u. Leid durch sie gezogen sind.

Leb' wohl, meine liebe, liebe Märta. Hab' noch mal Dank für Deine Güte.

Grüß Gert recht schön! Freu Dich Deiner Jungen!

Von Herzen
Sibylle.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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