Brev från Erna ("Sibylle") Zenker till Märta den 25 november 1948

Wachwitz, den 25. XI. 48

Meine liebe Märta,

Hab' recht von Herzen Dank für Deinen lieben Brief, auf den ich Dir so lange antworten wollte. Aber die Peitsche trieb mich zu sehr! Nun bin ich hier in Wachwitz seit dem 22. XI. zu einem Landesfachkursus für Geschichte. Das ist sehr interessant. Ich wohne hier in dem schönen Heim u. werde vorzüglich verpflegt. Bis zum 3. XII. bin ich hier. Es kommt mir vor wie Ferien.

In der Schule aber ist es jetzt sehr schwer. Ich habe nun auch die Betreuung der Lehrer, die Geschichte als Fach für die 2. Lehrerprüfung nehmen, übertragen bekommen. Ich fühle mich gar nicht fähig dazu, ich müßte viel, viel mehr wissen, - aber es blieb mir nichts übrig, ich mußte diesmal annehmen, zu oft schon hatte ich abgeschlagen. Du kannst Dir denken, was ich dafür werde arbeiten müssen. Jeden 4. Mittwoch im Monat habe ich etwa 15 Neulehrer von 15-18 Uhr. Was ich da tue, weiß ich noch gar nicht, manche sind Abiturienten u. haben viele Kenntnisse, manche wieder nicht. Als 1. muß ich mit ihnen Engels Vom Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates durchnehmen, dies hat der bisherige Dozent noch aufgegeben. Aber genug davon!

Du wunderst Dich, daß mir die Schularbeit nicht mehr Freude macht. Ja, wenn die kleinen Mädchen vom 3. Schuljahr mich sehen u. zu mir gestürzt kommen, - ich hatte sie ja im 1. u. 2. Schuljahr, - dann denke ich auch, wie schön war das mit ihnen. Aber jetzt! Die Klassen müssen auf 40 Schüler aufgefüllt werden, da sonst zu wenig Lehrer da sind, um die volle Stundenzahl in den Klassen zu geben. Alles mußte nach 1½ Monaten Unterricht i. neuen Schuljahr alles umgestoßen werden. Ich gab meine V. Jungenklasse auf u. übernahm eine 1. Jungenklasse, nach 8 Tagen wurde ich zu diesem Kursus abgeordnet. Die armen Kinder! Von einer Hand in die andere, u. jede macht es anders. Wann werde ich sie wohl haben, wie ich will! Dazu der viele Fachunterricht in Geschichte! Kannst Du da die Schwierigkeiten verstehen? Ich weiß nicht, wie mich das Leben da hineingedreht hat, - ich habe oft Gewissenskämpfe, wie ich sie nie kannte. Es macht mich nervenmäßig ganz kaputt, sonst bin ich gesund. Hier in der Ruhe denke ich über alles leichter. Aber Du siehst aus dem beigelegten Vorlesungsverzeichnis doch allerhand. Die Vorträge waren bis auf einen bis jetz sehr gut. Ich wünschte, Du könntest mal zuhören. Was würdet Ihr wohl dazu sagen? Schade, daß ich mich nicht mal mit Euch darüber unterhalten kann!

Vom Verlag aus geht Dir nächstens ein Buch zu, in dem Briefe von Alfried Muthenius stehen. Das ist der Sohn meiner Eisenacher Freundin, der in Trouville in der Gefangenschaft beim Minenräumen fiel. Er war Hans Christophs Jugendfreund.

Ihr lebt jetzt in der Adventszeit. Und wie schön ist die bei Euch! Ich merke nichts mehr davon, u. das ist gut so. Aber auf Weinachten freue ich mich, denn da bin ich ja zu Hause in Görlitz. Hier sind auch mehrere Lehrer aus Görlitz; von den ca. 70 Teilnehmern sind nur 5 Frauen.

Heute habe ich mit einer Kollegin auf dem Luisenhof Kaffee getrunken; wir hatten einen freien Nachmittag. Der Luisenhof ist eins von den 2 freien Gasthäusern. Wir tranken Kaffee - aber nicht Bohne! - u. aßen ein richtiges Stück Torte. Preis: 6,55 M. Aber mal muß man sich das antun! Also war ich mal leichtsinnig. Der Blick von oben war unendlich schön. Ein dunstiger graublauer Schleier, in den glutrot der Sonnenball sank. Noch immer ist Dresden schön!

Am Totensonntag war ich im Deutschen Requiem von Brahms. Das liebe ich ganz besonders. Es war sehr schön. Elfriede [sic - Elisabeth?] Reichelt u. Gottlob Frick sangen die soli. Beide habe ich früher mit Hans Christoph in der Oper gehört.

Leb' wohl. Grüße alle recht von Herzen. Wie gern sähe ich mal in Eure Adventsstube, in all Dein Kinderglück! Haben Deine Jungen auch einen Adventskalender?

Recht von Herzen
Deine
Sibylle.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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