Den 7. II. 48
Lieber Gerd, liebe Märta
u. Rolf und die andern Jungens!
Ihr könnt Euch garnicht
vorstellen was das für eine Überraschung war, als mir Herthle
gestern beim Nachhausekommen eine Benachrichtigung v. Zollamt vorlegte
dass ein Paket von Rolf Zenker aus Enskede da sei. Erst musste ich mir
wirklich ein bis'chen überlegen, was das für ein Herr sei,
denn ich kenne ja meine Herrn Neffe leider noch garnicht und dann musste
ich mich besinnen ob ich wache oder träume, dass ich so überraschend
ein Paket bekommen soll! Und dann musste ich mich schrecklich freuen
und konnte es garnicht erwarten bis die Mittagspause um war und man
um 2 Uhr aufs Zollamt kommen durfte.
Der Weg dorthin führt
durch Gärten und Felder und denkt nur, da sah ich nicht nur schon
Schneeglöckchen, Veilchen und Primel, auch erste Forsytia und Goldlack,
auch die Rankrosen waren schon völlig grün und die Pfirsichblüte
am Aufbrechen. Solch ein unnormales Wetter. Gott gebe nur, dass nicht
noch harter Frost kommt.
Im Zoll jagde [sic]
man mir erst einen Schreck ein, indem man mir sagte das Paket sei schwer
beschädigt. Es war aber nur aussen und war alles innen intakt und
nichts heraus. 1 Mark Zoll und fort gings mit meinem Schatz und dann
war Jubel, Wonne und Dank im Häusle. Ihr guten guten Leute! Ich
wollte ich hätte Euch da, dass ich Euch recht warm die Hände
drücken könnte! Ich weiss doch dass auch in Schweden vieles
rationiert ist und Ihr opfert uns so viel. Vor dem weissen Mehl steht
man staunend - und Speck und die weissen Makkaroni und so viel Zucker
u. noch Süssstoff. 200 Zucker das ist für uns hier beinahe
eine Jahresration einschliesslich Sonderzulage für 2 Personen!
Da gibt es also nun zu Ostern wirklich einen süssen Kuchen! Und
davon bekommt dann Wolfgang
Zenker ein Päckle. Der Arme liegt mit schweren Herzgeschichten
im Hospital. Wenn er nur einmal heim dürfte. Er leidet sehr unter
Heimweh und der Sehnsucht nach der Mutter, die er nicht mehr wiedersehen
durfte. - Nessi hat
ja nun wieder ein eignes kleines Heim in Berchtesgaden im Hofbräuhaus
und Hannes hofft sogar auf Verwendung im Schuldienst.
Und wie geht es wohl bei
Euch? Könnte man doch fernsehen! Ich möchte die drei Jungens
zu gern mal sehen, hören ob Du Arbeit dort hast lieber Gerd und
ob Du ganz in Schweden bleibst. Was ist wohl aus eurer Dresdner Wohnung
und den Sachen geworden?
Uns geht es Gott Lob gut.
Der milde Winter war bei dem allgemeinen Mangel an Heizmaterial sehr
erfreulich - möge er nicht zu schlimm für das Wachstum im
Feld und Garten sein. Die Folgen des heissen, trocknen Sommers waren
in diesem Winter sehr zu spüren, es fehlt völlig an Gemüse.
Uns persönlich ist es durch viel Liebe und Freundschaft dennoch
gut ergangen. Arbeit habe ich in meinem Nothilfsdienst der ev. Gemeinde
auch mehr als genug. Das Elend der Ausgebombten und Flüchtlingen
ist gross. Auch aus Schweden bekam das Hilfswerk reiche Kleidersendungen,
ich teilte viel Sachen mit Stockholmer Firmenschildern aus.
Und nun lasst euch ganz,
ganz innig Dank sagen von Euren von Herzen dankbaren
Cläre Immisch
u. Anna Herth