Brev från Nanna Schweitzer till Märta den 10 januari 1948

An Frau Märta Zenker
Enskede - Stockholm
Cirkelvägen 19
Schweden.

M. Schweitzer. Dresden - A46
Kleinzschachwitzer Ufer 3

10. 1. 48

Meine liebe Märta und lieber Gerd!

Das war am 7. 1. - Ottos Geburtstag - aber eine prächtige Überraschung und Riesenfreude als wir von der Post die Nachricht bekamen, dass wir bei ihr ein Schwedenpaket abholen könnten! Der etwas magere Geburtstagstisch füllte sich ganz bedeutend. Das heisst vor Ankunft der Gäste wurden die Herrlichkeiten doch wieder weg geräumt, um nicht andrer Leute Herzen zu schwer zu machen. D. h. eigentlich kam da nur Friedel in Frage, Wellers bekommen jetzt, Gott sei Dank, ziemlich regelmässig jeden Monat 1-2 Argentinien-Pakete, allerdings gibt's da viel zum Anziehen dabei, was ja für die Vier dringend gebraucht wird, aber Reis, Haferflocken und Fett und Kaffee kommt nun auch regelmässig. Sie brauchen es aber mehr als dringend, da sie keine Einkellerkartoffeln bekamen und oft gar keine haben. Wir haben nun bis Ende März Kartoffeln, nur langen tue ich, glaube ich, doch kaum so lange, es sind gar so viele schlechte dabei.

Aber, pfui Frau Schweitzer, schon wieder mitten drin im täglichen Krimkram, verzeiht Ihr Beiden. Aber Ihr könnt kaum ermessen, wie sehr dieser Kleinkram unser Leben beherrscht - und so könnt Ihr auch kaum ahnen, wie ein Paket von Euch Herz und Gemüt und Magen erfreut; denn immer wenn etwas kommt, hatte man gerade wieder einmal garnichts zu Hause. Was waren das für phantastische Waffeln! Dass es so etwas gibt in der Welt, ach und das weisse Mehl, die Milch, Zucker, Seife, Margarine! (besser als unsre ach so sehr seltene Butter) und last not least - Kaffee! Letzterer, so sehnsüchtig ich ihn von aussen betrachte wird uns wohl wertvollere Dienste tun müssen. Otto musste leider aus vergangenen Gründen - trotz Unbedenklichkeitszeugnis - Pillnitz wieder Ade sagen, so fällt also die so angenehme monatl. Zahlung wieder weg. Wir haben bei einem Verlag noch 750 RM Aussenstände und von der Stadt werden wir für eine Arbeit die noch läuft noch 500 RM bekommen, aber für die nächste Zeit rettet uns wohl Euer Kaffee. Schade und doch fein! Ja, Pillnitz ist sehr betrüblich, aber es war so wie so ein Wunder. Hoffentlich zieht es nichts nach sich.

Augenblicklich arbeiten wir heftig an einem Friedhofswettbewerb für die Opfer des 13. II. 45. - Im übrigen hoffen wir inständig, dass es doch noch zu einer Einheit Deutschlands kommen wird, denn alles andere wäre Wahnsinn. Wir können uns jedenfalls nicht beklagen in einem langweiligen Jahrhundert zu leben, ich finde es recht atemberaubend. Wir hier, in der Ostzone, wir werden nun erst recht einen Kampf für die Einheit führen.

Was macht Märtas Blinddarm? Bitte, bitte lasse ihn doch entfernen, so ein Biest ist zu heimtückisch. - Friedel bekam vom kirchlichen Hilfsdienst die Nachricht, dass dieser einen Kindertransport von 69 Kindern zusammenstellt und dass Friedel bei der hiesigen S.M.A. so schnell wie möglich die Ausreise erwirken möchte. An und für sich bin ich nicht böse wenn die ganze Reise sich verschiebt, jetzt ist eine so wenig schöne Zeit, ich hätte ihnen - und Gunhild - etwas mehr Frühlingswetter gewünscht, denn da wird sie die Kinder kaum merken, wenn sie draussen sein können, und unsre allerschwersten Monate sind ja April-Mai-Juni. Da gibt's noch kein Gemüse und keine Kartoffeln mehr.

Also habt noch einmal von ganzem herzen Dank. - Grüsst Eure 3!

Eure Nanna + Otto.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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