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Brev från Suse Zenker till Elisabeth Zenker den 7 juli 1951
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Anm. Suse = Susanne Zenker f. Tunder. Hon levde 1906-1975. Gift med min farbror Hans i dennes andra gifte. Min farmor Elisabeth var hennes svärmor. Brevet beskriver huvudsakligen levnadsförhållandena i Östtyskland (DDR) år 1951. /SZ Trossingen, 30.5.51 Meine liebe Mutter, es ist zwar schändlich, dass es erst so spät passiert, aber nun will ich Dir doch noch wenigstens einmal von hier aus schreiben, d.h. von dem westlichen Deutschland her, das auch für uns Ostdeutsche fernes und fremdartiges Ausland bedeutet. Und diesmal kann ich schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, denn da ist zwischen uns nicht die völlig unberechenbare und deshalb immer zu fürchtende sowjetische Zensur. Hans liess mich neulich durch jemanden dritten bitten, ich möchte doch mal kurz an "Elisabeth" schreiben, da es für ihn, wie die Dinge lägen, nicht möglich wäre. Auch hier hörte man von wieder verschärfter Postkontrolle in Ostdeutschland. Schon vor meiner Abreise war es so, dass gewisse Menschen bei uns, z.B. Angehörige der Volkspolizei, das strenge Verbot haben, überhaupt keinen Briefwechsel mit dem Ausland, ja nicht einmal mit Westdeutschland führen zu dürfen, selbst wenn dort nächste Angehörige von ihnen leben. Dafür bekommen Volkspolizisten einige Vergünstigungen, z.B. mehr zu essen. Und mit den Beamten, zu denen H. gehört, ists so, dass ihre Korrespondenz mit Westdeutschland besonders beobachtet wird, es ist schon in mehreren internen Pfarrersitzungen darauf hingewiesen worden. H. schwitzt also immer Angst, dass ich leichtsinnig irgendetwas an meine Mutter oder Schwester schreibe. Beamten-Privatbriefe nach dem Ausland würden ausser der Zensur noch registriert. Solche Mitteilungen ergehen aber nicht etwa amtlich, sodass jeder Bescheid wüsste, nein, man hört nur mal irgendwann davon und weiss nie genau, ob man sich mit solchen Briefen nun etwas einbrockt oder nicht. Es soll so sein, dass Menschen - und eben besonders Beamte - mit regelmässiger Korrespondenz nach d. Ausland oder Westdeutschland in noch stärkerem Masse beobachtet werden durch das sehr gut organisierte kommunistische Spitzelsystem. Dass man sich davor bei uns fürchten muss, werdet Ihr vielleicht gar nicht begreifen. Ihr werdet denken: wenn man nichts gegen die Gesetze und nichts Leichtsinniges in Briefen schreibt, kann man nicht belangt werden. Aber alle Gesetze sind absichtlich unklar formuliert, der Wortlaut lässt sich sehr oft so und so deuten. Im Dezember ist in unsrer DDR (Deutsche Demokratische Republik) ein "Gesetz zur Erhaltung des Friedens" erlassen worden, wozu überhaupt keine Ausführungsbestimmungen bekanntgegeben wurden sondern nur als Kommentar: man dürfe nichts sagen oder tun, was sich gegen die Regierung der DDR wende oder ihr Ansehen herabsetze. Unter Bezug auf diese sehr labile Gesetzesüberschrift sind inzwischen zahlreiche Verhaftungen von Einzelnen und von ganzen Gruppen passiert, vor allem auch von Jugendlichen, die im natürlichen Oppositionsalter stehen und eben einfach mal anzügliche Spässe machen müssen, weil die berühmte Freiheit in der DDR darin besteht, dass die politische Fessel immer enger gezogen wird. Vor kurzen kam ein Herr aus Dresden hier an, der mit Weissens bekannt ist, und uns solche Fälle erzählte. Z.B.: er ist neulich in Dr. mit der Schwebebahn gefahren, im Abteil sassen noch 2 junge Mädchen von ca. 17 Jahren und ein Mann. Wie die Schwebebahn losschwebt, sagt das eine Mädel zum anderen mit einem Augenaufschlag: "es geht aufwärts". Darauf kichern beide. Oben angekommen, zieht der Mann einen Polizei-Ausweis, ruft beim Aussteigen einen dort herumstehenden 2. Mann herbei, der auch Ausweis zückt: die Mädchen müssen den beiden Zivilpolizisten folgen. Dieser Herr aus Dresden ist 4 Jahre lang unter den Russen im Bautzner Konzentrationslager gewesen und sagt, dort seien Hunderte von Jugendlichen ab 15 Jahren teilweise wegen ähnlicher Bagatellen für Jahre mit eingesperrt gewesen. Seine Berichte über das KZ waren geradezu grauenhaft und er getraute sich auch nur hier im Westen davon zu sprechen. Drüben wagt ein Entlassener kaum mal die Wahrheit zu sagen aus Angst, dass sie ihn sofort wiederholen, - dann aber nach Sibirien, was man ihnen bei der Freilassung gleich androht, falls sie sich etwas zuschulden kommen lassen sollten gegen das Gesetz zur Erhaltung des Friedens! Der Herr sagte, die ersten 2 Jahre nach 45 seien inbezug auf die sanitären Verhältnisse und auf die Kost unbeschreiblich unter aller Menschenwürde gewesen, bis dann (auf den politischen Druck d. Alliierten) eine russische Kommission gekommen sei und einiges insoweit gebessert habe, dass es wenigstens erträglich gewesen sei. Es habe dann z. B. jeder seine eigene kleine Blechschüssel zum essen bekommen, während vorher ganz alte verrostete Blechdosen ausgegeben worden sind, in denen davor Farben angerührt wurden. Was aber auch schon eine Verbesserung war, denn zuerst gabs für je 6 Mann eine mittelgrosse alte und abgesprungene Blechschüssel, in die morgens für alle 6 der Kaffee rein kam, nachdem sich ebenfalls die 6 darin gewaschen hatten, dann wurde mit Wasser aus derselben Schüssel die Zelle gesäubert, die Unterhosen mussten sie drin waschen, mittags gabs wässrige Graupensuppe darein, abends wässrige Mehl- oder Kleie-Suppe. 3 von den 4 Jahren haben die Männer überhaupt keine Arbeit zu tun bekommen und durften keinerlei Gerät (Bleistift, Papier, Schnitzmesser usw.) bei sich haben, durften aber auch bei Tage nicht schlafen, sondern mussten bei jeder der vielen Kontrollen untätig sitzend auf ihren Pritschen vorgefunden werden können. Einmal tgl. wurden sie in Reih und Glied an die Luft geführt, als er dabei einmal unter Apfelbäumen einen madigen Fallapfel aufhob, bekam er 14 Tage Einzelarrest mit noch verminderter Kost und obendrein noch Schläge und Fußtritte. Im 4. Jahr "durften" sie dann bei Wind und Wetter draussen hocken und den Stacheldraht um das Lager herum flicken, damit niemand ausreissen konnte. - So in der Art erzählte er noch manches. Und die Zahl der Verhafteten ist gross, viele davon wissen es nicht und erfahren es nie, warum sie verhaftet worden sind, es ist ihnen keinerlei "Fehltritt" bewußt. Und deshalb ist es ein Schicksal, das jeden treffen kann, und wenn er sich noch so korrekt verhält. Auch ein allzu passives Verhalten gegenüber politischen Kundgebungen usw. erweckt bei den zahlreichen Beobachtern nur Verdacht. Die Pfarrer, die ja noch allein eine ausserpolitische Möglichkeit zum reden vor der Öffentlichkeit haben, stehen drüber jetzt schlechter denn je im Kurs. Die Ost-Kirchenleitung dreht und wendet sich wie eine Schlange, um nirgends anzustossen und flüchtet dabei zurück zur alten strengen Orthodoxie. Manchen Menschen gefällt das, weil sie meinen, dass ihnen damit ein objektiver Halt geboten wird, unter dessen Schutz man insgeheim opponieren könnte gegen das bolschewistische Staatssystem. Aber die meisten spüren doch, wie auch die ostdeutsche Kirche zittert und sehen dieses Gebahren sehr pessimistisch an. Pfarrer wie Hans machen es sich furchtbar schwer, indem sie mit bewunderungswürdiger Ausdauer immer noch irgendwo den Hoffnungsschimmer suchen und sich voll und ganz dafür einsetzen. Dabei müssen sie ihre Worte noch und noch auf die Goldwaage legen und stehen doch allein durch das Pfarrer-sein immerzu ohne Unterbrechung mit einem Bein im KZ. Hier bei den Westdeutschen gibts allerlei liebevolle Aufrufe für die Ostdeutschen, aber es bleiben letzten Endes doch nur Worte, weil sich ja nicht Deutsche, sondern zuallererst die gegenpoligen Mächte Amerika und Rußland hart gegenüberstehn. Und Rußland hat lt. Stalins Worten die Taktik, die Spannungen bis zu einem eventl. zuletzt noch nötigen Krieg so lange hinzuziehen, bis der Kommunismus in allen Ländern möglichst weit aus gebreitet ist. Anfang Juli. Ach, Mutter, damals wurde ich unterbrochen, inzwischen war ich krank und es geschah allerlei, wofür ich was zu tun hatte, Aufregung wegen Renate vor allem, die ihren Beruf aufgeben muss, die Gründe sind mir nicht bekannt, ich vermute politische, ihre Andeutungen sind sehr versteckt aber äusserst hilfeschreiend. Vielleicht muss sie aus der Ostzone weg, ich werde hören, da ich jetzt nach Hause fahre mit grossem Bammel vor der Grenze. Für alle Fälle schnell noch die Anfrage: gäbe es in Schweden durch Eure Vermittlung irgendwie eine Möglichkeit für R., erst mal fortzukommen aus dem Gefahrenbereich. Vielleicht als Haustochter, eventl. mit Kindererziehung, nur kann sie ja noch gar nicht schwedisch, würde es aber wohl bei ihrer Sprachbegabung leicht lernen können. Ich meine also so etwas, dass sie für eine Zeit irgendwo arbeiten könnte, gleichzeitig dort wohnen und essen und vielleicht ein kleines Taschengeld, wie es z.B. auch für die nach England gehenden jungen deutschen Mädchen gemacht wird. England ist für Ostzone jetzt nicht möglich, Einreise bei Euch wäre vielleicht wegen Verwandschaft möglich, ohne dass Ihr selber natürlich davon irgendwie belastet würdet. Du weisst schon, wie ichs meine, gell? Von drüben aus kann ich eine solche offene Anfrage nicht schreiben, höchstens mal eine Gelegenheit suchen, um von Bln. Westsektor einen Brief loszulassen. Bitte antworte mal, ob es überhaupt eine Schwedenmöglichkeit für B. gäbe, nimm dazu R.s anderen Namen Ursula, und lass erkennen, ob wir die Sache verfolgen könnten oder nicht. Wenn Ihr eine Zustellmöglichkeit für Briefe habt, die über Westberlin geht (sodass dortige Einwohner d. Bf. von Ostberlin einsteckte, was auch nicht sehr sicher ist, aber für die Ostzensur unauffälliger als Post aus d. Ausland oder aus Westdeutschl. ), so benütze die bitte, wenn Du keinen Weg weisst, aber etw. Genaueres zu schreiben hättest, machs mir begreiflich, damit ich Dir eine Deckadresse mitteile. Hans kann anscheinend überhaupt nicht ins Ausland schreiben, liess es mir mitteilen, damit ichs Dir schreibe und Ihr Euch nicht wundert. Es muss inzwischen drüben alles sich noch mehr verschärft haben, - mir graut sehr! Ich nehme mir aber vor, Dir bald möglichst wenigstens mal wieder einen harmlosen Erzählbrief zu schreiben, denn Verbindung halten wollen wir dennoch! Verzeih die vielen Fehler, ich schreibe in höchster Eile auf einer ganz fremden Maschine, aber der Brief muss ja unbedingt noch von hier aus weg, ich vergass ihn leider und fand den 1. Bogen zu meinen Schrecken vorhin. Grüsse alle sehr herzlich, Märta u. Gerd können diese besser beabsichtigte Epistel vielleicht auch mitlesen.. Hoffentlich seid Ihr alle gesund, Du wirst wieder tüchtig in Haus und Garten wirken! Denkt manchmal an uns in dem wahrhaft grausig grausigen Ostdeutschland, von hier aus habe ich das Schreckensmass so recht begreifen lernen und fahre nun zurück unter Zurücklassung aller kleinen Hoffnungen, die ich mir wie alle Ostdeutschen doch immer noch inbezug auf eine bessere Zukunft gemacht hatte. Nein, uns steht höchstens noch viel Schlimmeres bevor, das ist klar.
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