Brev från Marianne Schweitzer ("Nanna") till Gunhild af Sillén den 12 september 1948.

Dresden - A46, den 12. 9. 1948
Kleinzschachwitzer Ufer 3

Meine liebe Gunhild!

Eigentlich wollte ich Dir gleich schreiben, nachdem ich Deinen Brief bekam, aber die Tage reichen einfach nicht aus. Habe also sehr herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen, die uns so freuen. Wir dachten mit sehr herzlichen Gedanken an Dich, als Du in England bei Deinen Lieben warst. Dass Du Dich körperlich so wenig wohl fühlst tut mir so leid. Wie kommt das nur?

Wenn nur Elfriede bei Dir wäre. Ob sie inzwischen angekommen ist; ich wünschte es ihr und Dir sehr. Ausserdem ist das Herumvagabundieren so garnicht gut für einen jungen Menschen. Sie ist zu spät losgefahren, ½ Jahr eher wäre es leicht möglich gewesen. Ich habe die Mutter lange nicht gesehen und weiss deshalb nichts Näheres. Du bist rührend Gunhild, dass Du der Mutter ein Paket schicktest, aber bitte tue es nicht mehr. Das kann ja Elfriede besorgen, wenn sie erst da ist. Dies klingt herzlos, aber Frau Müller ist ein sehr jammeriger Mensch, ohne mehr Grund zu haben als alle Anderen auch. Es ist wahr, wir haben hier im Juni-Juli-August sehr gehungert, da wir meist ohne Kartoffeln waren, nur 100 gr Fettigkeit im Monat hatten usw., usw. Aber das mussten wir Alle durchhalten, und Frau Müller jammert immer, ohne etwas zu tun. Sie ist verwöhnt da sonst ihre Töchter ihr mit Gemüse (Liesl ist Gärtnerin) und Körnern (Elfriede vom Gut) helfen konnten. Die Mädels sind frisch und tatkräftig im Gegensatz zur Mutter. — Schlimmer als für uns Alle war doch gewiss die Zeit für Mütter mit Kindern. Seidels sassen schon früh bei einer Kohlrübensuppe ohne Mehl, ohne Kartoffeln oder Brot dazu. Friedel traf ich oft in Tränen an, aber ihr wäre es nicht eingefallen, Dich zu bitten, in aller Not. Im Gegenteil, sie ist Euch so unendlich dankbar, dass Ihr überhaupt schicktet. Die Geburtstäge der Mädels feierten wir dankbar bei einem Kuchen aus selbstgelesenen Roggenkörnern, Wasser u. schwed. Süssstoff. — Sei nicht böse, dass ich Dir dies schrieb, ich bin nur so empört über Frau Müllers Bettelei und da ich Dein so rührend gutes Herz kenne, möchte ich gern weiteren Paketen vorbeugen. Gewiss hat Frau Müller Hunger u. Not, wie wir Alle, nur meine ich, ist die Not für Kinder erschütternder und gefährlicher.

Du brauchst Dir übrigens keine Gedanken zu machen, die Mädels rechnen nicht mit bald- nur mit überhaupt einmal später mit dem Wiedersehen. Sie hängen mit grosser Liebe an Euch. Heute in 8 Tagen, am 19.9., am Geburtstag ihrer Mutter wird Barbara im Gottesdienst früh konfirmiert. Sie ist reizend geworden, die einzelnen Konfirmandenstunden haben sie wohl sehr beeindruckt und sie so still und besinnlich gemacht. — Die Paten und wir nächsten Freunde werden versuchen den Tag feierlich und schön zu gestalten. Solche Familienereignisse sind sehr schwer für Friede Seidel, da klaffen die beiden Lücken weit.

Uns persönlich geht's gottlob gut. Wir konnten leben, hatten einige Aufträge und hoffen auf weitere. Augenblicklich hat Otto mit Hochdruck für die Gartenbauausstellung in Leipzig zu arbeiten, wo er Pläne usw. ausstellt. Der Garten, der erst sehr zurückgeblieben war, gedieh dann herrlich, so dass doch 90 Gläser eingeweckt wurden. Überhaupt scheint die gesamte Ernte ganz erstaunlich zu sein. Leider betrifft uns in Dresden aber trotzdem die Erhöhung der Lebensmittelrationen nicht, es sind nur 15 Städte an Dresden, Leipzig und Chemnitz angeglichen worden. So geht's einem neuen Hungerwinter entgegen, das ist bitter. Wir ernteten zum Glück viel Mais, den mahle ich auf der Kaffeemühle und koche Brei. Beim Ährenlesen erwischte man zu wenig Körner dieses Jahr. Hunderte von Menschen stürztensich auf ein Feld wenn es freigegeben wurde; nun wird's beim Kartoffel-Stoppeln genau so werden; und man braucht diese mühsam erlesene Zugabe so dringend. Leider werde ich viel Mais brauchen um meine beiden Hühner gut über den Winter zu bekommen. — Zucchinikerne schicke ich Dir im Frühjahr wieder wenn Du magst.

Grüsse bitte Elof sehr von uns. — Wo mögen Henning + Helene jetzt schwimmen? Ich freue mich so für die Beiden. — Wenn man Euch doch einmal wiedersehen könnte. Könnt Ihr - Du - nicht einmal kommen? Es wäre sooo schön.

Viele dankbare Grüsse sendet Dir

Deine Nanna. Otto grüsst sehr.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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Senast ändrat eller kontrollerat den 30 september 2009.