Brev från Nanna Schweitzer till Gunhild af Sillén den 9 februari 1948

An Frau Gunhild af Sillén.
Salta - Enköping -
Schweden.
Marianne Schweitzer
Dresden - A46 9. II. 1948
Kleinzschachwitzer Ufer 3

Meine liebe Gunhild!

Nun sind für die Seidelschen Mädels Barbara und Armgart also die Würfel gefallen, und in 14 Tagen werden sie abreisen. Sie reden nun nur noch von Tante Gunhild und Onkel Elof, und von so phantastischen Dingen wie Milch und Kartoffeln und vielleicht gar Butter oder Margarine. Du tust ein so unendlich gutes Werk Gunhild, gerade diesen beiden Kindern wieder einmal ein so grosses Licht in ihr trauriges junges Leben zu bringen - wie Du selbst es wohl kaum ahnst. Der Tod von Vater und Bruder wurde selbst von Armgart (10 J.) schon ganz bewusst erlebt. Das Seidelsche Familienleben war ein so selten glückliches. Na, und die Enteignung und was drum und dran hängt machte der Mutter Leben ja weiter sehr schwer und trübe. An und für sich sind beide Mädels sehr fröhlich und sehr sing-begabt. Armgart ist auch sonst sehr begabt und wird wohl schnell schwedisch lernen, Barbara ist nicht schulklug, aber sehr hauswirtschaftlich, sie wird Dir eine gute Hilfe sein, sie wird ja im August schon 15 J. alt - blieb allerdings fast bei 11-12 J. stehen, besonders körperlich. Beide Kinder bekamen ja nun seit Jahren keine Milch mehr, das fehlt natürlich sehr. Aber bitte lasse auch Armgart tüchtig helfen, den Abwasch machen die Kinder allein zu Haus, ihre Betten auch usw. Ich hoffe also, dass Du viel Freude und nicht allzuviel Arbeit von beiden Kindern haben wirst.

Elfriede Müller ist ganz verzweifelt über die Langsamkeit mit der ihre Angelegenheit vorwärts geht. In jugendlichem Ungestüm kündigte sie ihre Stelle schon zum 1. XII. und ist nun seitdem zu Haus. Die Herbeischaffung des Unbedenklichkeitszeugnisses (pol.) dauerte ewig, aber seit Mitte Dezember muss es in Berlin sein. Friedel Seidel sagte, Herr Jürgensen im schwed. Konsulat sei so sehr nett ob Du ihm noch mal schreibst? Es ist der Nachfolger wohl von Major Thomson? - Sobald Elfriede die Papiere bekommt wird sie auch gleich selbst zur S.M.A. [sowjetische Militäradministration?] nach Berlin fahren, wie Friedel Seidel es tat; das brachte den Erfolg dann.

Dass Du von Märta schreibst, dass es ihr jetzt so gut geht macht mich so froh. Ob sie sich nun nicht lieber den Blinddarm entfernen lässt? Gerade wenn er ruhig ist, ist dies doch keine grosse Sache - und man ist dies ewige Damoklesschwert los. Ich bin so froh, dass Mutti so glücklich über ihren Stockholmer Aufenthalt schrieb - und so begeistert, über Märtas Erziehungstalent. Wenn sie nur ab und zu einmal nach Stockholm könnte. - Ach und wenn man doch auch 10 Jahre wäre und den Schwedenzug besteigen könnte - wie gern täte man dies. Das Wiedersehen mit Euch Lieben allen wäre zu schön - und der Misere einmal zu entrinnen wäre auch schön - und einmal längere Zeit satt zu sein, wäre auch schön.

Dass Du Gute uns gar wieder ein Paket schicken willst, das erfüllt uns Materialisten geradezu mit einem Begeisterungsrausch. - Aber Gunhild, wenn Du das wirklich willst, mache Dir doch bitte nicht so schreckliche Unkosten! Wenn Du uns aus Euer Scheune ein Paket Körner, gleich ob Weizen, Roggen, Gerste oder Hafer - schickst dann sind wir schon so sehr dankbar und wenn ein Schächtelchen Süsstoff dabei ist, gibt's dann sogar süssen Brei. Wir mahlen sie durch die Kaffeemühle, die ja so wie so nichts zu tun hat. Und die schrecklichen Unkosten dieser Art fallen wenigstens weg für Dich, es bleiben noch immer genug davon.

Nun leb wohl Gunhild, bald ist's 10 Jahre, dass Du bei uns warst, wie schön war das - und wie schön die Rom-Reise. Ich muss oft noch daran denken. Denkst Du noch an das phantastische bild im Sankt Peter-Dom, die Messe mit dem Bruderkuss? Waren wir damals eigentlich einmal in Nizza oder Monte Carlo zusammen?

Otto grüsst mit mir zusammen Elof und Dich aufs dankbarste. In treuem Gedenken

Deine Nanna.

Sei doch so gut und schreibe mir einmal Deine Eindrücke über Barbara u. Armgart und wie sie sich anstellen, und wenn sie sich vielleicht manchmal etwas falsch benehmen verzeih es ihnen, wir können es alle nicht mehr.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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Senast ändrat eller kontrollerat den 9 september 2011.