Brev från Gerd till Märta den 22 september 1946

Bad Homburg v. d. H, 22. 9. 46

Lilla vän!

Ich habe den Ehrgeiz, Dir Briefe mit möglichst verschiedenen Stempeln zu schicken. Ich habe nun so lange nichts von Euch gehört, "daß es ganz aus ist", wie die Bayern sagen, wenn sie etwas ganz Unglaubliches bezeichnen wollen. Nun bin ich also wieder nach Homburg gefahren. Diesmal habe ich auch - höre und staune - sogar einen Sitzplatz auf meiner langweiligen Nachtfahrt von München nach Fr. gehabt, das ist ein Erlebnis, das man sich im Kalender rot anstreicht.

Ob ich etwas von Dir höre, wenn ich übermorgen wieder nach V. komme? Oder vielleicht gar von Frau O.? Aus Paris noch nichts. Ich gehe erst dann nach Baden-B., wenn ich von Dr. Oschatz definitiv höre, daß es Essig ist. Das wollen wir doch nicht hoffen!

Weißt Du, wie der deutsche Wissenschaftler von heute übernachtet? 1. Nacht: auf einer Bank im Wartesaal. 2. u. 3. Nacht: in hübschem kleinem Hotelzimmer (Bettwäsche gibt es aber nicht). 4. u. 5. Nacht: Im Bunker unter dem Frankfurter Hauptbahnhof. Das ist immer die letzte Rettung.Glücklicherweise gewöhnt man sich an die tollsten Zustände, so sehr, daß sie einem zum Schluß garnicht mehr auffallen. Von Zeit zu Zeit schreibe ich mir etwas auf, damit ich nicht vergesse, Dir's zu erzählen. Ach Du, wie sollen wir jemals zu Ende kommen mit Erzählen, wenn wir wieder zusammen sind? Und dabei werde ich doch so viel anderes zu tun haben, meine Kinder kennenlernen, Schwedisch lernen, Stelle suchen usw.

Mit dem Schwedisch bin ich jetzt beim "insugningsrör", sogar auf der Reise schleppe ich Sv. M. T. und das Wörterbuch mit mir herum, ist das nicht tüchtig? Es kommt aber nicht viel dabei heraus.

Hier fragt alles nach Miehe, wie ist er angekommen? Oder hat der faule Kerl immer noch nichts von sich hören lassen? Ich habe hier bei S+R die Adresse eines befreundeten Ingenieurs auf Drottninggatan bekommen, den ich unbedingt besuchen soll. Der kann mir gewiß gute Tips geben.

Liebe Kleine, ich komme mir so unnütz vor, aber was kann ich tun? Noch einmal in Berlin anzufragen und zu sagen: "Bitte bitte! Meine Frau wird sonst zu alt und häßlich!" das hat ja keinen Zweck, weil sie mir's nicht glauben. (Und ich glaube es selbst nicht!) Wie steht die Aktion Bernadotte? - Hast Du einmal wieder etwas von Gulli Böhme gehört? Räumt Er immer noch den Großen Garten auf?

Meine Doktorsleute sind in Urlaub bei Berchtesgaden, die beiden älteren Jungen sind in ihren Internaten in den Alpen, sodaß ich nur den kleinen Seppi vorfinden werde, wenn ich heimkomme. Und das unentbehrliche Lenerl natürlich, die jetzt stolze Ehefrau ist. Die armen Leute, er arbeitet in München und kommt bestenfalls aller 14 Tage einmal nach V, um seine Frau die Küchenfee zu besuchen.

Nun will ich eine ungeheure Menge zu Abend essen. Eine neue Periode hat angefangen, die 93., und ich werde die Marken nur so hinauswerfen, solange ich unterwegs bin. Die gnädige Frau kann dann schon sehen, wie sie ankommt, es wird ihr gewiß nicht schwerfallen. Die 93. Periode, Du, und es war ungefähr die 60., als Du abflogst! Stell Dir vor! Die 100. will ich aber nicht mehr erleben!

Ich bin noch ziemlich sonnverbrannt. Kein Kunststück, wenn man vom "Skilaufen" kommt. Ich denke an die schönen, schönen Zeiten, wo Du mich mit Stefan vom Zuge abholtest, wenn ich von meinen Reisen zurückkam. Und jetzt? Ach du lieber Gott. Weißt Du noch, wie Du mir das Festessen auf unsrem Balkon gabst, und ich dann doch nicht abfuhr? Hauptsache, ich hatte meine Abschiedsmahlzeit. Märta lilla! Kannst Du noch richtig Deutsch sprechen? Oder klingt es so ulkig wie zu unsrer Verlobungszeit, als ich Dich nach langer Zeit wieder besuchte?

Viel Liebe, viel Sehnsucht!
Dein Gerd

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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