Brev från Nanna Schweitzer till Märta den 8-12 september 1946
Frau M. Schweitzer
Dresden - A 46
Kleinzschachwitzer Ufer 3
Dresden den 8 September 46.

Meine liebe Märta!

Dir und Gunhild so viel 1000 Dank für Euren lieben Brief vom Juni. Jeden Sonntag hatte ich mir vorgenommen zu antworten, Gunhild für die vielen langen Zeilen zu danken - aber Du weisst ja: das schwache Fleisch! Wenn es schön war - leider sehr selten - hielt selbst Sonntag der Garten uns in seinem Bann. Und dann ist so ein Sonntag so furchtbar kurz. Bis mittags vergeht er eben doch in Kocherei für mittags, abends, und der irgend woraus gezauberten Morgensuppe, um das Feuer auszunützen. Nach dem Abwasch und Kaninchen-Fütterei ist's dann immer schon 2 Uhr und die sonntägliche geheiligte Mittagsruhe erstreckt sich dann mit lesen gegen 4 Uhr, dann kommt meistens Mutti, das heisst, sie sollte kommen, neuerdings wird es meistens 5 - ½ 6 Uhr bis sie endlich kommt, da Hertha und Frau Dittner nicht eher heimzukommen gernhen [?] und Mutti meint, nicht eher fortzukönnen, da jemand zu Hertha kommen könnte. Ich bin oft recht böse, wie Hertha Mutti ausnützt, ohne dankbar zu sein, im Gegenteil, sie macht ihr das Leben sehr schwer. Und so schwierig unser Muttchen manchmal ist, so ist sie doch rührend gut und selbstlos, und ich hätte ihr einen sonnigeren Lebensabend gewünscht. - Wie gerne verfrachtete ich sie nach Schweden vor einem neuen, kalten, hungrigen und dunkler Winter. Ich sorge mich recht um sie, wie sie ihn überstehen wird.

Die Ankündigungen Eurer Pakete wirkten direkt elektrisierend auf uns, aber obgleich Mutti nun schon vor Wochen das Geld schickte erschien nichts. Dass Ihr auch an uns dachtet ist rührend, aber leider hörten wir noch garnichts. - Solltet Ihr jemals wieder etwas schicken können - was ja eigentlich viel zu viel ist -, dann schickt doch bitte an Käte Dörries oder Tante Hertha, beide machen sich die Mühe des Weiterschickens gern, sie dürfen dann zur "Belohnung" davon behalten. (Dr. Käte Dörries, Münster (Westfalen) Grüner Grund 2 und Tante Hertha: Göttingen Obere Karspüle 22.)

Uns geht's weiter den Umständen entsprechend gut. Unser Schloss - ich schickte heute Helene ein Foto, sie soll es Dir zeigen) liegt viel weiter draussen als Donaths neue Welt, fast in Zschachwitz - Mutti kommt.

12. 9. 46.

Nun blieb der Brief so lange - 4 Tage - liegen. Mutti bleibt immer bis am späten Abend, so dass am Sonntag nichts mehr aus dem Schreiben wurde. Mutter brachte die erfreuliche Nachricht mit, dass Hans, Sibylle und sie selbst nun doch aus Berlin von Schenker die Nachricht bekamen, dass die Pakete - also nicht Päckchen - dort abzuholen seien. Das ist herrlich, so besteht also jetzt nun doch die Möglichkeit das Paket im Ganzen zu bekommen, vielleicht geht es dort in die Am. Zone. Da erübrigt sich nun das oben geschriebene, so ist es ja viel einfacher. Die K. V. G. Sachsen lässt 3x wöchentlich einen Autobus nach Berlin laufen, so kommt man leicht hin. Ich kann Dir garnicht sagen wie wir uns darauf freuen wenn wir erst die Ankündigung bekommen werden.

Es ist recht gut, dass unser Paket später kommt, denn jetzt haben wir noch under Gartenerzeugnisse. Denke Dir, ich habe 75 Gläser aus unserm Neulandgarten für mich einmachen können und 35 Gläser für Mutti, und jetzt bin ich noch fest bei der Tomaten Ernte. Wenn Du unser ungerodetes mit Oelfässern belagertes mit Gestrüpp bewachsenes Gelände gesehen hättest würdest Du staunen, wie sehr es sich geändert hat und schliesslich ein kleines Paradies geworden ist, an dem wir mehr hängen als am alten verlassenen Garten, den wir doch so liebten. Hier unser Land ist eben wirklich durch so viel Mühe unser eigen geworden.

Aber genug von uns. Ich will Dir noch von unserer Umwelt erzählen. Tante Rüger ist noch erstaunlich frisch, vorgestern feierten wir ihren 76. Geburtstag. Grosse Sorge machen uns Wellers. Anne ist so recht am Ende ihrer Kräfte, die Kinder sind so schrecklich zart, dass man grosse Sorge um alle Vier hat. Besonders Brigitte und Michael sind gefährdet. Michael brachte ich vor 8 Tagen zu Brigitte Volkmann (-Kühn) nach Zinnwald, ich hoffe die Gebirgsluft wird seiner grossen Blutarmut zu Leibe gehen. Morgen wollen Wellers und wir über das Wochenende hinauf. Dass die Kinder selbst in den Sommermonaten ab- statt zugenommen haben ist eine grosse Sorge. Gott sei Dank sind aus Amerika von Lothars Mutter und Geschwistern auch Pakete unterwegs. Am liebsten würde ich Dir freilich die Kinder schicken, aber das geht ja leider nicht.

Friedel geht es weiter recht schwierig, sie wird so gequält, dass man kaum zusehen kann, da man ihr leider so garnicht helfen kann. Aber sie ist so tapfer. Mechtild will nun Medizin studieren, sie pflegte 1 Jahr lang in den Seuchenstationen - Typhus, Fleckfieber, Ruhr, Diphterie. Sie ist ein aufrechtes prachtvolles Mädel, ich wünsche so von Herzen, studieren zu können, alle ihre Sehnsucht geht dahin, jetzt ist sie bei Käte, ob es dort möglich ist. Übermorgen soll sie zurückkommen hoffentlich gesund und munter.

Denke Dir, Dein rührender Mann schickte uns neulich etwas Speck und Milchpulver und Süssstoff. Ich nahm es mit schlechtem Gewissen aber so dankbar wir schwelgten. - Aber im Laufe des Sommers sind Otto und ich doch wieder ganz rundlich geworden. Aus meinen 83 [42,5 kg] sind wieder 96 [48 kg] geworden und Otto ist wieder auf 135 [67,5 kg] angekommen. - Arbeit haben wir auch, gerade gab uns der Heimatschutz den Auftrag den Garten des Karl Maria von Weber Hauses wieder im Zeitbild zu planen. So gibt es immer wieder Schönes zu tun. Ottos Bilder werden gern gekauft so dass wir genug zum Leben haben. Auch von mir habe ich ein Paar Blumenstückchen - Mohn - Feldblumen - Frühlingsblumen - für 75.- RM. verkauft.

So, jetzt ist's 10 Uhr, die Nachrichten fangen an ich muss Schluss machen. - Sage bitte Gunhild, dass ich ihr nochmals sehr danke. Ob sie inzwischen wieder Grossmutter wurde? - Erzähle doch einmal ganz genau von den 3 Buben.

Otto grüsst Euch Alle mit mir.

von Herzen
Deine Nanna.

Sage doch bitte Helene, dass die Pakete nun nach Berlin gehen, also alles in Ordnung sein wird.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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Senast ändrat eller kontrollerat den 24 mars 2008.