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Brev från Gerd till Märta den 1 juli 1946
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Lindau 1. 7. 46 Meine Liebste! Das sind herrliche, heiße Sommertage, die ich hier am Bodensee verbringe. Am letzten Dienstag fuhr ich bei strömendem Regen von Vilsbiburg ab, der Wagen des Institutes lief ausnahmsweise ohne Generatorpanne bis München. Die Zugfahrpläne in Deutschland sind mehr als spärlich. Mein Zug nach Ulm war gerade weg u. ich mußte 7 Stunden auf den nächsten warten. Mit solchen Aufenthalten muß man täglich rechnen. Abends kam ich in Ulm an. Ich hatte die schöne alte Stadt kurz vor Kriegsende noch gesehen; jetzt war sie nicht zum Wiedererkennen. Furchtbar zugerichtet. Glücklicherweise hat das Münster nichts abgekriegt, vollkommen unbeschädigt erhebt sich der schöne hohe Turm inmitten einer unbewohnten Trümmerwüste. An Hotels ist garnicht zu denken. Die einzige Übernachtungsmöglichkeit war ein Lager für Ostflüchtlinge, das in einer ehemaligen Kaserne untergebracht ist. Sehr primitiv aber einigermaßen sauber. Ein schönes, schönes Mädchen hatte die Liebenswürdigkeit, mit mir zu flirten. Ehemals Napola-Schülerin, dann Luftwaffenhelferin. Sie erzählte interessant von den letzten Kriegswochen in Italien. Am nächsten Vormittag stiegen wir 777 Stufen hoch und ließen Papierflieger 160 Meter hoch auf die Schutthaufen fliegen. Auch ein Sport! Nachmittags fuhr ich bis zur Grenze der franz. Zone. Dort ging es nicht weiter, und ich mußte in einem Dorf in einem richtigen Bauernbett unter einem dicken Federbett übernachten, fast erstickt wäre ich dabei. Am nächsten Morgen fuhr ich vom nächsten Dorf weiter mit dem Bummelzug nach Friedrichshafen. Die Sonne kam durch und hat sich bis jetzt noch nicht wieder verkrochen. In Fr.hafen interessierte sich die Sûreté lebhaft für mich und war entzückt zu hören, daß cet ingénieur diplomé veut travailler pour nous. Hm. Wie bedauerlich, daß ich nicht französisch kann und einen Dolmetscher nötig hatte, einen Idioten von Dolmetscher. Friedrichshafen, die Stadt Zeppelins und der Dornierwerke, ist sehr zerstört. Aber man muß ja nur der Stadt den Rücken kehren und sich an den See setzen, und man kann sich wie im Frieden fühlen. Außer den Franzosen gibt es kaum Ausländer. Im amerikanischen Gebiet gibt es jetzt mehr Polen als vor einem Jahr! Sie scheinen sich bei uns doch sehr wohl zu fühlen. Abends brachte mich ein kleiner Bummelzug nach einem Dorf bei Lindau, wo eine franz. Firma in einem großen Hotel einquartiert ist. Dort habe ich 5 Nächte gehaust. Ich mußte so lange hier bleiben, weil die betreffenden Herren immer gerade nicht zu sprechen waren. Außer bei dieser Firma versuchte ich es auch bei einer halbamtlichen Forschungsstelle, die hier am Bodensee sitzt und gerade im Begriff ist, nach Paris zu übersiedeln. An beiden Stellen habe ich sehr gute Aussichten. Die notwendigen Fragebogen usw., die in Frankreich geprüft werden müssen, verzögern aber eine Anstellung um Wochen oder sogar Monate. Man sprach von der Möglichkeit, daß eine Antwort ein Vierteljahr auf sich warten lassen kann. Die Bedingungen sind verhältnismässig günstig, jedenfalls viel besser, als man sie heute in Deutschland finden könnte. Von Frankreich aus kann man den Urlaub in jedem beliebigen Land verbringen. Es ist eine Arbeitsgemeinschaft von etwa 150 Mann, die zu 75 % aus Deutschen u. 25 % aus Franzosen besteht. In bezug auf das Privatleben ist man ganz ungebunden, man kann also mit seiner Familie wohnen wo man mag. Märtalein, bereite Dich innerlich darauf vor, mindestens 2 Jahre Deines Lebens als Parisienne zu verbringen. Wie ich meine liebe Frau kenne, würde sie das ganz gern tun, ja? Wenn es mit diesen Firmen nichts wird oder zu lange dauert, fahre ich nach Baden-Baden, wo ein Verbindungsmann der franz. Industrie sitzt. Da könnte ich aber wahrscheinlich nicht in meinem eigentlichen Fach arbeiten. Meine Liebe, ich muß Dir aber doch sagen, daß ich tausendmal lieber nach Schweden gehen würde. Morgen fahre ich nach Weinheim, um von Konsul Hagander zu erfahren, ob sich wirklich nichts von Schweden aus machen läßt. Er schrieb mir aber schon: Uns ist bewußt, daß es so gut wie unmöglich ist, die Ausreisegenehmigung zu erhalten. Sonntag vormittag war ich auf der Mainau. Prinz Wilhelm wurde gerade in diesen Tagen erwartet, ich bin also etwas zu früh gekommen. Schade. Ob er mich vielleicht als Hausingenieur angestellt und im Herbst mitgenommen hätte? Ich hatte mir eine sehr schöne und eindrucksvolle Rede zurechtgelegt. Jag som talar med bönderna på bönders vis...! Jetzt sitze ich im Vormittagssonnenschein am Seeufer und warte auf das Schiff, das mich nach Lindau u. Friedrichshafen bringen soll. Schade, daß diese schönen Halb-Urlaubstage vorbei sind. Mit dem Essen ist es schwierig aber Dein Syd-ost und bayrisches Rauchfleisch hilft sehr. Alle diese Tage habe ich fast jede Stunde an Dich gedacht, nämlich immer dann, wenn ich etwas Schönes sah. Ich gehe immer Hand in Hand mit Dir. Weißt Du, wie lieb ich Dich habe? Ich habe solche Sehnsucht danach, Dir das selbst einmal wieder sagen zu können. Leb wohl, meine kleine Liebste! Dein Gerd. |
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