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Brev från Gerd
till Märta den 10 mars 1946 från Vilsbiburg
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Anm. Detta 10-sidiga brev tycks ha forslats till Schweiz och postats därifrån vid en tidpunkt då det ännu inte var tillåtet att sända brev till utlandet från Tyskland. Det har därigenom inte heller utsatts för någon censur. /SZ Vilsbiburg, 10. 3. 46. Mein Märtalein!
Du glaubst, Ihr werdet schüchtern sein alle vier? Ach wo, was denkst Du denn da für Unsinn, arme Kleine. Wenn ich nach meiner eigenen Geistesverfassung urteile, wird es ganz und gar nicht so sein. Ich lebe so mit Dir und spreche jeden Tag mit Dir, daß ich mir nicht vorstellen kann, wie irgendein Schatten der Befangenheit zwischen uns auftauchen könnte. Wenn es so weit ist, mußt Du einfach die Augen zusammenkneifen und Dir vorstellen, daß ich vom Flakdienst oder aus der Hochschule komme. Du wirst sehen, das hilft! Nun wollen wir erst mal von der Hauptsache sprechen. Ich habe nur ein Ziel: raus aus Deutschland! Wenn es ginge, würde ich gern hierbleiben, um an dem so brennend notwendigen Aufbau teilzunehmen, und ich weiß, Du würdest mir helfen, auch wenn Du primitive Lebensbedingungen in Kauf nehmen müßtest. Aber das wird einem ehemaligen PG [Parteigenosse] ja unmöglich gemacht. Jetzt ist endlich das langerwartete "Entnazifizierungsgesetz" veröffentlicht worden, nach dem alle bösen Menschen in 5 Klassen aufgeteilt werden. Als einer vom Jahrgang 33 gehöre ich zur Klasse II: "Aktivisten, Militaristen und Nutznießer". Für diese Klasse sind als "Sühnemaßnahmen" vorgesehen: Sonderarbeiten für die Allgemeinheit, eventuell Einweisung in ein Arbeitslager bis zu 5 Jahren. Vollständige oder teilweise Einziehung des Vermögens, insbesondere der Sachwerte; es sind ihnen nur die notwendigsten Gebrauchsgegenstände zu belassen. Keine Wahlfähigkeit. Keine selbständige Tätigkeit irgendwelcher Art. Keine Autozulassung usw. usw. usw. Wenn ich nachweisen kann, daß ich nie an der Parteiarbeit teilgenommen habe, die Versammlungen nur spärlich besuchte usw., so habe ich Aussichten nach zwei- bis dreijähriger Bewährungsfrist in die Klasse der "Mitläufer" aufgenommen zu werden, die erheblich besser behandelt werden. Diese günstige Aussicht eröffnet sich mir nur dank dem glücklichen Umstand, daß ich nie einer Kriegsverbrecherorganisation wie SS, SA, Gestapo oder dergleichen angehört habe; andernfalls sähe es schlimm aus. Wie man die Sache auch dreht und wendet, ich habe jedenfalls keine Lust, länger als unbedingt notwendig hierzubleiben. Solange ich übrigens für die Amerikaner arbeite, d. h. die von mir verlangten Berichte noch nicht fertiggestellt habe, bin ich noch gesichert. Andererseits darf ich nicht hinaus, solange meine Berichte nicht fertig sind. Dieser Zeitpunkt ist ungefähr Ende Mai gekommen. Und dann? Wenn mich die Amerikaner dann hinauslassen, werde ich es nur Onkel Ruges Befürwortung zu verdanken haben. Ich verstehe nicht, wie es die Deutschen gemacht haben, von denen Du schriebst. Kommen sie aus anderen Zonen? Oder war es früher einfacher? Jetzt jedenfalls ist es fast unmöglich, über die Grenze zu kommen. Ich renne natürlich von Pontius zu Pilatus und bringe oratorische Glanzleistungen hervor, noch dazu auf englisch. Vor einigen Tagen habe ich ein neues Gesuch eingereicht, in dem ich auf das schon vorhandene schwed. Einreisevisum hinweise (kann jeder sagen!) und eine Ausreisegenehmigung für Ende Mai verlange. Natürlich habe ich auch auf die Befürwortungen durch General Ruge, Chief Commander of the Norwegian Army, and Count Bernadotte, the President of the Swedish Red Cross, hingewiesen, die in Frankfurt vorliegen müssen. Generalmajor Steffens in Berlin, der sich sehr freundlich nach dem Stand meiner Angelegenheit erkundigte, habe ich eine Abschrift dieses Gesuches mit der Bitte geschickt, von sich aus bei der Behörde in Frankfurt auf die Befürwortungen hinzuweisen. Liebste, Du hast mir schon im Oktober geschrieben, daß die Schweden meine Einreise genehmigen. Ich habe aber nie ein Papier bekommen. Da die Amerikaner alle Konsulate geschlossen haben, kann ich mich nicht auf dem richtigen Wege um diese Angelegenheit kümmern. Ich habe deshalb Herrn Jens Malling, Vorsitzender des Schwed. R. K. in Hamburg geschrieben und ihn gebeten, sich der Sache anzunehmen. Bisher habe ich noch keine Antwort von ihm. Ohne Einreisegenehmigung kann ich ja nichts machen. Glücklicherweise habe ich noch ein anderes Eisen im Feuer. Die Franzosen haben eine Menge deutscher Wissenschaftler angestellt und suchen immer noch mehr, die ihnen etwas bauen, damit sie nicht ganz ins Hintertreffen geraten. Besonders interessieren sie sich für den Strahltrieb, und damit haben wir eine ganze Menge zu tun gehabt. Es ist natürlich keine hübsche Aussicht, aber was tut man nicht alles in meiner Lage. Wenn mir die Amerikaner bis Mai Ausreisegenehmigung geben, gehe ich jedenfalls zu den Franzosen. Natürlich kommt die Genehmigung einen Tag nach Unterzeichnung des Vertrages, das hilft aber nichts. Die Bedingungen sollen sehr günstig sein. Ich glaube nicht, daß man sich für eine längere Zeit als ½ Jahr verpflichten muß. In Frankreich könntest Du mich gewiß besuchen. Und ich könnte Euch endlich etwas schicken! Es ist wirklich ein Elend, daß ich hier im Gelde wühle und Euch keinen Pfennig schicken kann. Gar so wild is es übrigens mit dem Geldwühlen auch nicht, denn seit Dezember leben wir nur von schönen Versprechungen. Einen Teil des aufgehäuften Mammons habe ich auf Bank und Sparkasse in Dresden gelassen, und die Russen haben alle Konten gesperrt, sodaß Mutti nichts abheben kann. Ich schicke ihr dann und wann etwas im Briefe. Das ist zwar verboten, hat aber bisher funktioniert. Miehe hat mir die hübschen Bilder von Dir u. den Jungen geschickt. Zum Dank dafür kriegst Du mich in allen Lebenslagen. Du mußt meine Geschicklichkeit bewundern, daß es mir gelungen ist, den Apparat durch die wilden Zeiten zu retten! Besonders typisch ist natürlich das Bild, auf dem Du mich in horizontaler Lage erblickst. Du glaubst sicher, es handelt sich um das Mittagsschläfchen, aber nein, es ist natürlich nachts und zeigt eine kurze Ruhepause in einer im übrigen durchgearbeiteten Nacht! Apropos: Weißt Du noch, wie ich auf der Emser Allee einmal beim Schein der Adventskerzen arbeiten mußte, als die Sicherung durch war? Siehst Du, wie gut mir die Jacke mit dem roten Punkt am linken Ärmel steht? Das Motorradjackerl ist auch wieder zu Ehren gekommen, das siehst Du besonders schön auf dem Bild mit dem Titel: Pappa guckt natürlich wieder in den Eimer. Ich bin sehr froh, daß ich voriges Jahr noch den schönen, erstklassigen Anzug bekommen habe, den brauche ich dringend zu Peter und Paul, Fronleichnam, Einladung bei Frau v. d. Bey und ähnlichen Feierlichkeiten. Du fragst mich, ob ich Schuhe brauche. Nein danke, ich habe außer dem geflickten täglichen Paar ein Paar sehr anständige. Das einzige, was ich brauche ist ein Hut. Den kannst Du mir aber nicht schicken, denn die Pakete sind bisher so lange gegangen, daß ich ihn gewiß nicht mehr in V. bekommen würde. Das zweite Paket habe ich neulich aus München geholt. Paketausgabe ist die einzige Tätigkeit, die das Konsulat noch ausüben darf. Wunderbar! Nun erwarte ich also noch eins von Dir und eins von Helene. Paketauspacken ist meine Lieblingsbeschäftigung. Jedes einzelne Packerl erzählt mir ja von Dir und davon, daß Du mich liebst. Ja? Die Lebensmittel packe ich in Pfundpakete um und schicke sie - zwei bis drei wöchentlich - nach Dresden. Ich brauche es wirklich nicht, aber Mutti und die Geschwister recht notwendig. Schade, daß man kein Brot schicken kann, das gibt es hier unten (noch) ziemlich reichlich. Ich habe aber (außer Deinen Herrlichkeiten) noch 6 kg Mehl, das ich kleinweis wegschicke. Auf der Post werden sie ganz böse, wenn ich mit den vielen Päckchen komme, sie glauben offenbar, es geht der bayrischen Ernährung verloren. Der Separatismus blüht und gedeiht. Die Bayern machen die Preußen für den Aufstieg Hitlers verantwortlich, und die Preußen natürlich die Bayern u. Österreicher. Diese benehmen sich besonders merkwürdig, spielen die Vergewaltigten und Überfallenen, verlangen sogar Reparationen und haben die Abstimmungsergebnisse von 1938 reinweg vergessen. Wie wird die Welt aussehen, wenn wir beiden wieder einmal nach Wien und Graz kommen? Märtalein, ich möchte garnicht daß Du so bald wieder nach Deutschland kommst. Es ist alles elend, grau, trostlos, ohne Hoffnung und jeder gehässig auf den Nächsten. Nach dem totalen Krieg der totale Zusammenbruch! Der schnelle Aufstieg nach dem vorigen Krieg war ein Wunder, das uns gewiß nicht noch einmal zuteil wird. Unser nationales Unglück erreicht uns in unserem Erdenwinkel nur in seiner äußersten Ausläufern. Und wenn die Welt untergeht - die Vilsbiburger haben alles, was sie brauchen, und alles übrige interessiert sie kaum. Vielleicht wird es jetzt etwas anders, denn in der Stadt müssen 1500 Ausgewiesene untergebracht werden, das wird sich in einer Stadt von 3000 Einwohnern natürlich sehr bemerkbar machen. Vor allem bleiben die Leute ja dauernd hier und müssen angesiedelt werden. Von 100 Sudetendeutschen sind etwa 10 arbeitsfähige Männer, 90 Frauen, Kinder und Erwerbsunfähige. Die armen Menschen kommen oft barfuß, sogar in der Unterwäsche, weil die Polen u. Tschechen ihnen die Mäntel, Kleider und Anzüge abgenommen haben. Alle Fehler, Vergehen und Grausamkeiten die Deutsche im Kriege begangen haben, werden jetzt hundertfach zurückgezahlt. Natürlich an die Falschen. Weißt Du, man kommt nie los von dem ewigen Nachdenken über das Geschehene. Man könnte die glücklichen Gemüter beneiden, für die alles abgetan ist mit einem einfachen: die Nazis sind an allem Schuld (oder auch: die Juden ---, aber diese Kategorie ist bedeutend seltener). Man weiß ja auch viel zu wenig Tatsachen und muß sich mühsam ein Bild aus allen möglichen Quellen zusammensetzen. Liebste, entschuldige mein Geschmiere; der Füller ist reparaturbedürftig und das Papier soll möglichst leicht sein, also! Wenn mich nicht alles täuscht, wird mein Stefan nächstens schon sechs Jahre! Stimmt's? Aber dann muß er ja schleunigst in die Schule und das ABC lernen, soweit er's nicht schon kann! Oder wollen wir noch ein Jahr warten? Das wird ein Fest, wenn ich den ersten Brief von Stefan bekomme! Es ist die Rede davon, daß der Auslandsbriefverkehr schon am 1. April eröffnet wird. Endlich! Erster Brief ist übrigens falsch, ich habe ja schon in Klotzsche einen bekommen. Ich habe ihn so gern gelesen, daß ich mich sogar zusammen mit dem Brief beim Lesen fotografiert habe, und dieses Bild wollte ich Stefan als Antwort schicken. Der Film ist den Weg so vieler Habseligkeiten gegangen. Glücklicherweise habe ich fast alle Filme hier; nur 2 in Kl. aufgenommene sind verloren und ein hier aufgenommener verdorben. Ich schrieb Dir schon, daß mir auf der Fahrt hierher ein Koffer gestohlen wurde. Der schmerzlichste Verlust sind unsere Libri. Sie sind das Einzige, was sich nicht ersetzen läßt. Liebe, Liebe, bitte sei lieb und schreibe ein großes Liber 1933 - 1946! Es muß natürlich sehr summarisch werden, aber vielleicht bringst Du mit Hilfe Deiner Post, die Gunhild doch gewiß aufgehoben hat, allerlei zusammen. Alles übrige, was in dem Koffer war, ist entweder belanglos oder leicht zu ersetzen. Mit dem Verlust unserer Wohnung mit den Möbeln müssen wir rechnen. Mutti hat viel Wäsche, Silber, Bücher, Bilder, Teppich usw. zu sich holen können, sie hat mir aber nie genau geschrieben, was wir noch haben. Wenn wir in Schweden wieder von neuem anfangen können, dürfen wir zunächst auf garnichts rechnen, was uns früher gehörte, denn es wird wohl noch lange unmöglich sein, etwas aus der russischen Zone herauszubekommen. Meine Geliebte, ich freue mich so auf das Neuanfangen mit Dir. Es wird gut gehen! Glücklicherweise kann ich ohne allzu große Übertreibung behaupten, daß ich noch jung bin (wenn ich auch 260 Haare weniger und 21 weiße Haare mehr habe als vor 2 Jahren!) und daß ich andererseits im Laufe der Jahre eine ganze Menge gelernt habe. Aber wie hätten wir über diese schreckliche Zeit kommen können, wenn uns Deine Eltern nicht geholfen hätten? Ich bin Gunhild und Elof jeden Tag so dankbar für ihre Hilfe und dem lieben Gott für meine Schwiegereltern. - Werden mich meine Wütze denn verstehen, wenn ich deutsch mit ihnen spreche? Mein Schwedisch ist, fürchte ich, im Laufe der Zeit etwas zusammengeschrumpft. Du fragst, warum Mutti nicht mit hergekommen ist. Das geht leider nicht. Alle, die berufstätig sind, werden auf sehr unsanfte Art ins russische Gebiet abtransportiert. Aber auch wenn ich eine Sondererlaubnis bekommen hätte - Herrn Berlit ist das gelungen - wäre Mutti doch bei Hertha und in ihrer Wohnung geblieben. Und ich kann es ihr auch nicht verdenken, denn das Flüchtlingsleben hier ist nicht einfach und in keiner Weise verlockend. Ich habe ja das Glück, beim Arzt zu wohnen, dem die Bauern die guten Dinge als Honorar ins Haus tragen. Aber andere Leute müssen von Bauer zu Bauer ziehen und hamstern, wenn sie etwas Gutes essen wollen. Für ihre Kinder hätte Mutti das allerdings getan, aber für sich selbst ganz gewiß nicht! Hast Du wohl meinen Brief aus Amerika bekommen? Ich schrieb Dir ausführlich über das Ergehen der Geschwister und Verwandten. Hans u. Suse geht es gut, alles beim alten. Schnauzi u. Karlchen Weiß in Weimar schwimmen ganz obenauf. Sibylle als Lehrerin in Kaditz (an der Autobahnbrücke). Otto u. Nanna aus d. Gärtnerei entlassen, wohnen in Baracke in Laubegast an d. Elbe, haben sich's sehr hübsch eingerichtet. Otto zaubert allerlei, vom Holzhacken bis zum Bildermalen. Hertha hat nach wie vor zu tun, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Wenn irgend möglich, fahre ich im Mai noch einmal nach Dresden. Augenblicklich ist es nicht zu machen. Ich wandere jeden Sonntag durch die Landschaft und denke an Euch, die Ihr in einer ähnlichen Landschaft lustwandelt. Hast Du schrecklich viel zu tun? Bedenke, daß Du mein Bett nicht zu machen brauchst. Das besorgt s'Lenerl. Sie ist eine Perle, und ich habe ihr versprochen, daß sie mit zu Dir nach Schweden darf. Sie kann das Bett als Einzige in Vilsbiburg auf schwedische Art machen, das zeigt ihre Intelligenz. Außerdem versteht sie sehr viel von Traumdeutung, Kartenlegen und Bleigießen. Meine Liebste, wir gehören einander auf ewig. Deshalb darst Du nicht traurig sein, wenn sich das Wiedersehen immer wieder ein Stück hinausschiebt. Es ist so gut wie gewiß, daß wir uns dieses Jahr - im Sommer oder im Herbst - wiedersehen. Entweder in Schweden oder in Frankreich. Und bald können wir uns wenigstens schreiben! Wenn Erik der Liebste von uns allen ist, dann muß er ja wirklich ein Engelchen sein. Leb wohl, Liebste, denkt an mich! Und behandelt mir unser Bertchen gut, damit wir mal im Urlaub nach Brasilien fahren können. Tausend Küsse meiner liebsten Seele und gerecht verteilt meinen Buben. Immer Dein Gerd. |
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