Brev från Gerd till Märta den 7 december 1944 från Dresden

Zenker, Klotzsche, Mozartstr. 8 an Frau M. Zenker, Salta, Enköping, Schweden.

7. 12. 44

Älskade min lilla Märta!

Soll ich mich mitten im Herbst hinsetzen und Advent feiern und Weinachtsbriefe schreiben? Es ist doch jedes Jahr dieselbe plötzliche Umstellung wieder nötig. Sie ist aber einigermaßen gelungen durch a) Tannenreis von Frau Laube, b) Tannenreis und Licht von Mutti, c) Weinachtslieder von den Laubeschen Kindern durch den Fußboden geliefert, d) das Bild von meinen 4 Liebsten. Wirklich, es war schön, und Ihr wart so lebendig bei mir in dem flackernden Kerzenschein, daß es dann doch ein richtig stimmungsvoller 1. Advent wurde. Ihr habt also doch nicht getauft? Sonst hättest Du mir doch sicher telegrafiert. Zu Weinachten?

Liebste, für gewöhnlich bin ich, gerade in den letzten Wochen, nur Arbeitstier und Rechenmaschine, aber diese Weinachtszeit macht einen ja geradezu zum Menschen, zu einem Mann, der eine große, große Sehnsucht nach seiner Frau hat. Es ist ja eigentlich beinahe ein ähnliches Gefühl wie vor unsrer Hochzeit. Damals wartetest Du auf mich, jetzt warte ich auf Vx [sic], das ist der ganze Unterschied. Und noch etwas: jetzt gehören wir noch viel mehr zusammen und sind noch viel mehr eins als damals, nicht wahr?

Mein Liebling, es ist doch sonderbar, daß ich täglich durch Straßen gehe, die Du nicht kennst, und eine Haustüre aufschließe, die Du nie gesehen hast. Ich bin froh, daß es nicht umgekehrt so ist, sondern daß ich jeden Baum und Strauch bei Euch kenne - die rostfreie Küche und wohl noch verschiedenes andere allerdings nicht! Wann werde ich wohl einmal wieder nach Salta kommen, sag?

Ich habe Dir noch garnicht für Deinen letzten Brief gedankt (vom 17. Nov.) mit 2 hübschen Bildern vom September u. August, wo es von Kindern aller Art nur so wimmelt. Ich wollte Dir zu Weinachten Bilder von der Wohnung schicken, aber ach! da ist ein Unglück mit dem Film passiert, und die Neuauflage ist noch nicht so weit. Inzwischen tröste Dich mit diesen antiquarischen Fotos! Vor einem halben oder 3/4 Jahr hätten sie Euch gewiß noch mehr interessiert. Was ist es für ein Gefühl, sich nachträglich so dick und prächtig im Pelz zu sehen?

Apropos Pelz, was ziehst Du denn jetzt an, wenn es kalt ist? Alle Deine Habseligkeiten habe ich ja hier in Verwahrung. Soll ich denn wirklich das Kleid von Frau Hoffmann weitergeben? Na weißt Du. Glaubst Du übrigens, ich hätte es schon? I wo, echa! Da kennst Du Frau H. immer noch nicht. Allerdings liegt es auch an mir, ich müßte natürlich aller 2 Tage hingehen statt aller 6 Wochen. Ein ähnlich unsympatischer Genosse ist unser Schuster in Blasewitz. Er hat unglücklicherweise gehört, daß Du in Schweden bist, und denkt garnicht daran, Deine Schuhe vorzunehmen. Es ist leider unmöglich, in Kl. in einer Wäscherei als Kunde anzukommen, soll ich einmal wieder zu Schneeweiß gehen, damit sie sich an uns erinnern?

Man hat ja so seine Sorgen als Haushaltsvorstand ohne Ehefrau, weißt Du. Gestern stand unter "Amtliches", daß in Klotzsche alle Wohnungen besichtigt werden sollen, weil so und so viele Evakuierte untergebracht werden müssen. Hoffentlich glauben sie mir, daß meine zahlreiche Familie när som helst zu erswarten ist, wenn nicht, dann - wäre es garnicht schön. Es gibt schon eine Menge Litauer hier im Ort und viele Ausgebombte. Hur ska det gå? Schlimm ist, daß ich tagsüber nicht zuhause bin und den Leuten, die zur Besichtigung kommen, nicht Rede und Antwort stehen kann. Als ich herzog, habe ich Euch polizeilich gemeldet und dann wieder "als Besuch" abgemeldet, das wird hoffentlich anerkannt. Man möchte natürlich den armen Menschen auch helfen, aber es wäre doch wirklich sehr übel, fremde Leute in die Wohnung zu nehmen, wenn Du nicht hier bist! Da wäre es ja besser gewesen, auf dem Dürerplatz zu bleiben. Den dagen den sorgen!

Du kleiner Liebling schreibst mir ja ein ganzes Kochbuch. Ich sage Dir, das wird ein ganz herrlicher Tomatenschleim, den ich mir da aus der Flasche in die Speisekammer zaubern werde. Mir läuft schon das Wasser Im Munde zusammen. Kürzlich habe ich übrigens die Existenz der Havremust-Pakete entdeckt, eine sehr angenehme Bekanntschaft! D. h. die Pakete kannte ich natürlich seit langem, aber nicht von innen. Und von dem Speck habe ich immer noch etwas auf die Brote zu legen, das ist wirklich eine dauerhafte Freude!

Da liegst Du nun auf Deinem Schmerzenslager, hast 38,5 und schreibst mir trotzdem einen so schönen langen Brief und rufst hulla wie ein Chinese! Ja, wer doch am Fleitag bei Dir sein dürfte. Du würdest mir zwar sicher den Rücken zuwenden, wie ich Dich kenne, aber auch damit wäre ich sehr zufrieden. Und nach einer gewissen Zeit würdest Du Dich mir auch wieder zuwenden, nicht wahr? xxxx Erinnerst Du Dich denn noch manchmal daran, daß Du nicht nur ein Kind im Hause und eine Mamma bist, sondern auch meine Liebste? Das sollst Du tun.

Du fragst nach dem großen Kinderwagen. Ja, der hat zu allgemeinem Erstaunen den Umzug mitmachen dürfen, angefüllt mit einer Unmenge leerer Flaschen. Mein Rad dagegen habe ich nun endgültig im Stich gelassen, ich undankbarer Herr. Dabei hat es so viel Schönes mit mir gesehen. Ist aber unermeßlich lange her. Und gegen Wilhelmine habe ich mich ja auch nicht besser benommen, obgleich das womöglich noch schlechter von mir war! Man sollte es machen wie Henry Ford, der har alle seine Fahrzeuge, die er im Lauf seines langen Lebens benutzt hat, ins Familienmuseum gestellt. Vorläufig wäre unser Keller noch groß genug dazu. Der alte große dicke Immisch hat nur unbedeutende Wunden vom Umzug davongetragen diesmal. Gewiß lagen eine Menge Holzteile um ihn herum, als er aufgestellt war, aber sie fehlen eigentlich nirgends, zumal da er auf dem dunklen Vorsaal steht. O Pardon, ich wollte ja nichts verraten, bevor Du Deine Anordnungen gegeben hast! Aber auf aine andere Plazierungsmöglichkeit wirst Du wohl auch kaum kommen. Und dann fragst Du noch nach Schaukelpferd und Radfahr. Staubstube, meine Liebe, immer mal wieder Staubstube!

Renate ist glaube ich viel viel größer als Du jetzt, Dein Kleid würde ihr wohl bis zum Nabel reichen, um mal etwas richtig Geschmackvolles und Schönes zu sagen. Das muß ausprobiert werden. Morbrors Witze ----- ach wer doch Arzt wäre. Darf ich nachträglich einen passenden Spruch für Mathematik-Svenssons Begräbnis vorschlagen? Fata Morgana natürlich. Daraus läßt sich bestimmt etwas Erhebendes machen. Schade, daß es nun zu spät ist.

Wenn Du mich am Weinachtsabend mit den Gedanken suchst, Du Liebste, dann weißt Du, daß ich mit Mutti und Hertha zusammensitze. Es wird ein richtiges Kriegsweinachten werden, diesmal wohl wirklich ohne Baum. Aber ich werde ja immer, immer an Euch denken, und das wird sehr schön sein! Ich wünsche Euch ein frohes Weinachten! Wir wollen dankbar sein, Märtalein, daß es uns so viel besser geht als Millionen anderer. Wir haben einander! Und wir haben einander so lieb. Und wir haben unsre Jungen!

Grüße meine lieben Schwiegereltern, an die ich so oft voll Dankbarkeit denke. Stell Dir vor, nun sitzt Stefan und hört die Weinachtsgeschichte und versteht sie auch. Wer weiß, vielleicht macht er auch Verse, ich traue ihm alles zu. Haben sich die Jungens sehr verändert gegen die Heidebilder von vorigem Jahr? Es ist doch zum Schießen, wie sich Rolf hinter dem Baum versteckt. Weniger zum Schießen, wie ihr zum Himmel seht und die bösen Akaner sucht. Gestern heulte es seit langer, langer Zeit zum ersten Male wieder nachts. Aber nur Voralarm. Von der Heimatflak bin ich noch beurlaubt. Gerade wie voriges Jahr! Ja, das war schön!

Nun will ich auf die Post gehen und dies expedieren. Die Wohnungsbilder kann ich Dir nun erst im Januar schicken.

God Jul, lilla Märta! Wir wollen uns immer liebhaben!

Dein Gerd.

5 Fotos

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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Senast ändrat eller kontrollerat den 24 juni 2006.