Dankbrief von Walther Zenker

[Ich glaube daß Helene eigentlich in ein Pfarrhaus aufgenommen werden sollte, aber daß schon bei der Ankunft am Bahnhof eine Verwechslung stattgefunden hat, oder vielleicht wurde aus anderen Gründen in letzter Minute das Pfarrhaus gegen das Haus meiner Großeltern ausgetauscht. Dafür müssen wir dankbar sein! /SZ]

Leipzig, Albertsstr. 38, 30. Mai 1920

Hochgeehrter Herr Bruder.

Sie geben mir durch Ihren menschenfreundlichen Entschluß, mein Kind auf eine lange Zeit und ohne jeder Entgelt in Ihr Haus aufzunehmen, noch in einem anderen Sinne, als in dem wir Geistlichen den Brudernamen zu brauchen gewöhnt sind, das Recht, mich dieser schönen Anrede an Sie zu bedienen.

Ich habe in erster Linie das Bedürfnis, gleich in dem Augenblicke, in welchem meine Tochter Helene in Ihr Haus eintreten darf, Ihnen innigsten Dank für diese Aufnahme auszusprechen. Uns Eltern wird es wohl nicht ganz leicht, auf längere Zeit ein liebes Kind entbehren zu sollen; das ändert aber nichts an der sehr großen Freude, daß ihr durch Ihre und Ihres Hauses Güte an leiblicher und geistiger Hilfe ein so großes Glück zu Teil werden soll. Und meine Frau und ich freuen uns innig, daß es gerade ein Pfarrhaus ist, in welchem sie eine Heimat finden wird.

Unsre Agnes Helene, geboren am 2. November, getft. am 16. Dezember 1907, ist das älteste von den 3 Kindern meiner 2. Ehe. Sie hat einen Bruder von 11 und ein Schwesterchen von 7 Jahren. Aus der ersten Ehe lebt im Hause - nach 5 schweren Kriegsjahren - ein 26jähriger Sohn, stud. theol. - und außerhalb ist als Gärtnerin tätig eine 21-jährige Tochter. Dieser im ländlichen Berufe nachzufolgen ist auch ein Wunsch unserer Helene. Sie werden in ihr ein Kind kennen lernen, über dessen Folgsamkeit und Aufmerksamkeit Sie sich hoffentlich nicht zu beklagen haben werden; sie ist begabt genug, um ihre Schulaufgaben gut zu erfüllen, nicht gerade sehr lebhaften und erfinderischen Geistes, mehr empfangend als schaffend, jetzt auch, wohl infolge der auf uns Allen lastenden schlechten Ernährung, ein wenig matt und deshalb zu ernsten Stimmungen geneigt. Aber ein deutlicher Wesenszug in ihr ist doch auch eine Neigung zu frischer praktischer Lebendigkeit; Turnen, Schwimmen, Tanzen und auch ein wenig Musizieren liegt ihr am meisten am Herzen. Ich hoffe, daß es ihr nicht schwer fallen wird, sich in das fremdartige Leben im fernen Lande einzufügen. Und wie wertvoll wird ihr Alles sein, was sie bei Ihnen empfangen wird! Wir dürfen glauben, daß Gott ihr gerade an einem Punkte ihrer Altersentwicklung das große Glück will zu Teil werden lassen, an dem sie reif genug ist, wichtige Eindrücke fürs Leben festzuhalten. So vertrauen wir Eltern sie denn Ihrer Liebe aufs Dankbarste an, in herzlicher Zuversicht, daß es Gottes Wille ist, ihr leiblich und seelisch großen Segen zuzuwenden und ihr Kräfte zu schenken für eine Lebenswanderung in ihrem Vaterlande, das der Treue seiner Kinder um so mehr es auf lange Zeit hinaus noch innere und äußere Qual wird zu erleiden haben!

Meine Frau und ich bitten, uns Ihnen und der gütigen Pflegemutter herzlich empfehlen zu dürfen als Ihre dankbar ergebenen

Superintendent Zenker u. Frau

Last edited or checked April 14, 2005